Die ersten Proben zu „Kaspar“ von P. Handke

Die ersten Proben zu „Kaspar“ von P. Handke

Von Sigrid Loose-Abendroth | 08 Juli 2018 | 0 Kommentare
Die Spielerin Sigrid schaut inersssiert auf die schwarze Probebühne.

Viele Wochen haben wir Theaterstücke gelesen, diskutiert, uns engagiert und doch wieder verworfen. Ein etwas mühsamer Prozess, der für mich aber auch ein vertieftes Kennenlernen von Stücken beinhaltete. Sie hätte ich bestimmt sonst nicht oder nicht so gründlich gelesen. Ein Beispiel ist das „Endspiel“ von Beckett, dessen Inszenierung ich auch im Schauspielhaus Köln erleben konnte. Trotz aller Düsterheit faszinierte es mich. Schließlich wurde per Abstimmung ausgewählt:

„Kaspar“ von Peter Handke wird unser neues Stück.

Welch ein Unterschied zu Leonce und Lena! Es gibt hier keine erzählte Geschichte, keinen Spannungsbogen. Im Zentrum steht die Figur Kaspar. Ihm gegenüber gibt es „Einsager“, die ihm durch Sprechen das Sprechen beibringen, bzw. ihn mit Sprache „foltern“.
Im Ensembletreffen sammeln wir unsere Einfälle. Wir, d.h. natürlich Wolfgang und Gianni, sowie wir Ensemblemitglieder Doris, Peter, Marcel und ich (leider kann Belgin diesmal nicht mit dabei sein), sind jetzt eine vergrößerte Gruppe, denn Tobias ist dazu gekommen. Er ist ehrenamtlicher Regieassistent und steht Wolfgang und Gianni hilfreich zur Seite, schreibt auch für uns Berichte und stellt uns seine Notizen zur Verfügung.
Wir diskutieren Fragen wie:

  • Ist die Anlehnung oder Beschäftigung mit der historischen Gestalt des Kaspar Hausers hilfreich?
  • Könnte es eine Art Roboter, also eine programmierte Figur mit künstlicher Intelligenz sein? Oder ein Autist, ein traumatisiertes und dissoziiertes Wesen, ein Mensch, der ohne Erinnerungen aus dem Koma erwachte?

„Die Kaspar-Inszenierung wird sehr körperbetont!“

Ideen und Phantasien werden ausgetauscht. Das Sprechen darüber und das Lesen des Textes lassen mich zunächst erstaunlich unberührt und ich werde nicht recht warm. Das ändert sich sofort, als wir das erste Mal in die Kostüme schlüpfen und auf der Bühne zu proben beginnen.

Auf der Probebühne sitzt ein Mann im blauen asiatischen Hemd an einem Tisch. Er hat eine silberne Maske auf und betrachtet sein Spiegelbild in der Klinge eines Messers. Hinter ihm steht eine Frau, in weißer Arztkleidung, und versucht die gleichen Blick staunend zu erhaschen.Für die Figur des Kaspar haben Gianni und Wolfgang eine silber-metallisch glänzende Maske ausgewählt. Welche Wirkung! Ohne Mimik werden die Bewegungen deutlicher, die Körpersprache tritt in den Vordergrund. Wir Spieler dürfen alle einmal in die Rolle des Kaspars schlüpfen. Ich merke und sehe, wie alters- und geschlechtslos die Figur wird. Keine Geschichte spiegelt sich in seinem Gesicht. Ja, Kaspar ist – zumindest zu Beginn – ein Wesen ohne Geschichte.

Im weiteren Probenverlauf beginnt die erste Szene Gestalt anzunehmen. Wichtiges Element ist hier für mich die langsame „Menschwerdung“ der Figur. Zunächst ist sie eher eine Puppe und als solche wird sie auch auf die Bühne geschleift. Vorher hatten wir in den Partnerübungen ausgiebig geübt uns an den Gelenken zu bewegen und in Bewegung zu bringen. Wolfgang hat angekündigt:

„Die Kaspar-Inszenierung wird sehr körperbetont!“

Er sieht sich mit Erschrecken im Spiegel.

Schließlich lernt Kaspar seine Beine zu bewegen. Er wird an einen gedeckten Tisch gesetzt, bekommt den Gebrauch von Messer und Gabel gezeigt. Er sieht sich mit Erschrecken im Spiegel des blanken Messers. Später wird er zu heftigen Bewegungen animiert, die er unbeholfen ausführt und unter denen er zu leiden beginnt. Nach Beruhigung beginnt er schließlich seinen Satz hervor zu stoßen. All dies geschieht im Kontakt mit den Figuren „Psychiaterin“ und „Animateur“. Als Psychiaterin muss ich mich in einen dominanten, herrischen Ausdruck herein finden und – wie immer – natürlich alle private Attitude ablegen. Marcel lernt, als Animateur seinen sadistisch gefärbten Spaß mit Kaspar zu treiben.

Die Einsager

Dann folgt der Einsatz der Einsager mit ihrem Text. Doris am Mikro, Marcel und ich sprechen ihn stakkato-artig, rhythmisch mit aggressiver Färbung an Kaspar gewandt. Für mich ist deutlich zu spüren, das jetzt die Sprachfolterung beginnt. Kaspar reagiert entsprechend verängstigt, verfällt dann in einen langsamen Gebärdentanz.

Welche Macht und Wirkung die Sprache hat, das zeigt sich in der Sprechweise der Einsager. Sie hat für mich noch viele Varianten. Ich bin gespannt, wie es gelingen wird, Kaspar durch das Sprechen (der Einsager) zum Sprechen zu bringen. Wie wir zeigen werden, dass dies seinen Prozess des Erkennens, Begreifens, Erinnerns, …? anstößt. Langsam entstehen Bilder und Phantasien, die in jeder Probe mehr Gestalt annehmen.

So entwickelt sich die Szene durch die kreative und sensible Regiearbeit von Wolfgang sowie Gianni’s hilfreiche Licht- und Tonregie und die sorgfältig ausgesuchten Requisiten zu einem immer stimmigeren Bild.

Die Requisiten, wie z.B. Kostüme, Trillerpfeife, Hüte, Tisch, Mikrofon und die mit einem neuen Podest gestaltete Bühne leisten dabei einen wichtigen Beitrag. Gianni hat wieder wunderbar Passendes ausgesucht und für uns bereit gestellt.

Links steht eine Frau mit weißem Kittel und einer weißen Mütze. Rechts vor ihr sitzt ein Mann mit blauer Hose und blauem Hemd und hält ein Messer vor seinen Augen. Er trägt eine silberne Maske.Eine Traumfigur.

In unserer letzten Probe kam es dann zur Entwicklung einer „Traumfigur“. Doris hatte den Wunsch, etwas aus unserer Arbeit mit Schillers „Braut von Messina“ auf die Bühne zu bringen. Wolfgang bat sie, die Empfindungen und Gefühle der Beatrice beim Wiedersehen von Don Manuel ohne Worte zu zeigen. Währenddessen saß Kaspar regungslos auf dem Podest. Es wurde ein sehr eindrücklicher Moment, wie Doris in ihrem eleganten glitzernden Kostüm als Beatrice Freude, Glück, Erschrecken, Angst, Enttäuschung, Hoffnung, usw. zeigte.

In der Nachbesprechung sagte Peter, er habe sich als Kaspar gefühlt, als ob er träume. Dies war die Geburt der „Traumfigur“. Für mich war sie sofort die Mutter, die Kaspar einmal gehabt haben musste. Die vielleicht Sehnsucht und Schrecken über den Verlust ihres Sohnes zum Ausdruck brachte. Kaspar träumt von ihr. Vielleicht von dem, der er einmal gewesen war: Ein Kind, das eine Mutter hatte und dann …..? Sofort entstanden wieder Ideen zur Weiterentwicklung des Stücks und zur Person des Kaspars. Wie wird es wohl weiter gehen?

Zunächst ein unbeschriebenes Blatt.

Ich finde es hochinteressant und spannend, diesen künstlerischen Gestaltungsprozess mit zu erleben, der in der Gestaltung und Entwicklung der Kasparfigur seinen Ausdruck findet. Er ist zunächst ein unbeschriebenes Blatt mit vielen Fragezeichen – ähnlich habe ich den Beginn unseres neuen Projekts erlebt. Und jetzt fängt das Ahnen, Begreifen, Verstehen und das Wachsen an! Das ist aufregend und ganz und gar herausfordernd und damit für mich einfach unwahrscheinlich interessant und bereichernd.

BLOG VIA E-MAIL ABONNIEREN

Gib deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren.

Invalid Email

Teile mit:

Hinterlassen Sie einen Kommentar