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Ein berührendes Theatererlebnis: „Lenz“ von Georg Büchner

Mit viel Neugierde ins Schauspielhaus

Nach der begeisterten Empfehlung von Gianni, Wolfgang und Antje habe ich mir auch rasch eine Karte für „Lenz“ mit dem jungen Schauspieler Jonas Friedrich Leonhardi besorgt. Ich wurde nicht enttäuscht, sondern war so beeindruckt und berührt, dass ich etwas von diesem Theatererlebnis erzählen möchte.

Als langjährige Schülerin im Schauspieltraining bei Wolfgang und Gianni ging ich mit viel Neugierde in das Stück und war sehr gespannt darauf zu erleben, wie der Schauspieler es schafft, die Figur „Lenz“ lebendig werden zu lassen. Was ich bei einem jungen Profi wohl entdecken werde hinsichtlich Sprachgestaltung, Atmung, Einsatz von Körper und Mimik, Variabilität und Pausen und vielleicht auch Verfremdung und Verlangsamung.

Das Stück und wie ich es erlebt habe

Büchner verarbeitet in seinem posthum veröffentlichten Prosatext die tragische Geschichte des seelisch zerrissenen Dichters und politischen Autors Jakob Michael Reinhold Lenz. Leonhardi bringt in seinem Monolog dessen innere Welt mit einfachen Mitteln facettenreich zum Ausdruck.

Der junge Schauspieler wirkt auf mich in jedem Moment authentisch. Mit großer körperlicher, mimischer und stimmlicher Ausdruckskraft zieht er in den Bann. Er nimmt sich die Freiheit, anfangs mit dem Publikum zu flirten, er „zeichnet“ mit weißem Klebeband die Silhouette einer Gebirgslandschaft, eine Kirche, eine Hütte auf den schwarzen Bühnenhintergrund. Er lässt die Landschaft aber genauso mit seinem Erzählstil, seiner Sprachgestaltung lebendig werden. Er zeigt dem Publikum die stets Halt und Ruhe suchende, zerrissene Figur des Lenz und lässt mich mitfühlen und teilhaben an dessen innerer Welt. Teilhaben an der Welt  eines verlorenen, verstörten Menschen voller Schmerz, Angst, Leid und auf der Suche danach, sich selbst zu finden und angenommen zu werden. Ein Mensch in einer tiefen existentiellen Krise. Heute würde man ihn als schwer psychisch krank bezeichnen – aber die Einordnung in eine Diagnoseschublade widerstrebt mir.

Nach einer rastlosen Wanderung durch das Gebirge findet Lenz etwas Ruhe und vor allem Verständnis und Akzeptanz  beim Pfarrer Oberlin, einem menschenfreundlichen und verständnisvollen Geistlichen, der ihm im Pfarrhaus Unterschlupf gewährt. Um die wichtige andere Figur des Oberlin lebendig werden zu lassen nutzt Leonhardi stimmliche Verfremdungen, Mikrofon und auch seine Bühnenkleidung. Eine ganz andere, schneidende Stimme gibt er später der bedrohlichen Figur des Bernd Kaufmann. Dieser soll Lenz überreden, nach Hause zurückzukehren und löst damit dessen völlige Destabilisierung aus.

Leonhardi zeigt die zunehmende Verwirrung und das Scheitern seiner Figur eindrucksvoll auch durch seinen Umgang mit Kostüm und Requisite. Säcke voll körnigen Sands werden im Laufe des Stücks ausgeschüttet, bedecken den Bühnenboden, werden zu rutschigem Untergrund auf dem Lenz in seiner Ziel- und Haltlosigkeit rennt, rutscht, schaufelt, spielt, zu ordnen versucht, sich überschüttet und eine Grabstätte errichtet.  Er rennt gegen die Wand, zeigt unglaublich berührend den vergeblichen Versuch von Lenz, ein totes Mädchen zum Leben zu erwecken. Lenz Scheitern und seine Verzweiflung kommt auch in der Beschmutzung von Leonhardis Körper und der fortschreitenden Zerstörung und Auflösung seines Kostüms zum Ausdruck.

Mein Résumé

Auf intensive Weise, frisch und lebendig hat mir Leonhardi die Welt und die Empfindungen der Figur des Lenz gezeigt. Natürlich habe ich  die eingesetzten Techniken und dramaturgischen Mittel beobachtet und bewundert. Aber im Laufe des Spiels wurde ich mehr und mehr in den Bann gezogen und tief bewegt vom Erleben dieser tragischen Figur des „Lenz“. Dieses berührt werden ist genau das, was ich im Theater suche.  Und ich fühle mich ermutigt in unserem Theaterlabor mit dem Slow Acting-Stil von Wolfgang weiter im kontinuierlichen Schauspieltraining zu lernen, zu experimentieren, in Rollen zu schlüpfen und Figuren zu zeigen, die das Publikum berühren und einladen in Bilder und Geschichten einzutauchen und mitzufühlen.

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