SchauSpiel – ein wahrhaft magischer Prozess

SchauSpiel – ein wahrhaft magischer Prozess

Von Peter Schreck | 10 November 2017 | 0 Kommentare

Weltliche Aspekte

Der heutige Übungstag begann damit, dass wir uns zunächst kurz über die betriebswirtschaftlichen Aspekte unseres gemeinsamen Theaterprojektes austauschten. Um derartige Projekte als gemeinnütziger Verein stemmen zu können, sind wir unbedingt auf Spenden angewiesen und jedes Ensemble– und Vereinsmitglied ist herzlich dazu eingeladen und aufgerufen seinen Beitrag dafür zu leisten, dass die Finanzierung des Projektes in den kommenden Wochen und Monaten gestemmt und die entstandenen Kosten so gedeckt werden können. Wer also Menschen kennt, die das Projekt finanziell mit einer Spende unterstützen könnten, bekommt von Gianni eine ausführliche Projektbeschreibung in PDF-Form zum verschicken an potentielle Spender. Und hier findet ihr den Online-Spendenlink.

Übergänge

Als Nächstes sind wir dann anhand eines Übersichtsblattes alle Kettenstücke bzw. Übergänge durchgegangen, welche die von uns festgelegten sieben Abschnitte/Szenen, die wir für die Aufführung vorbereiten, miteinander verknüpfen. Insgesamt haben wir 20 Stellen im Text identifiziert an denen eine oder mehrere Figuren die Bühne betreten oder von der Bühne abgehen. Und auch dem Thema Requisiten haben wir unsere Aufmerksamkeit geschenkt und beschlossen eine Liste mit allen Requisiten zu erstellen. Wir waren erstaunt und freudig überrascht zu erkennen, dass wir alle gleichzeitig das Empfinden hatten, dass jetzt wo genau die Hälfte der 22 uns zur Verfügung stehenden Übungstage überschritten ist, das Bedürfnis nach einer Struktur, die für uns alle gleichermaßen sichtbar und begreifbar ist, deutlich wird.

Vielfältig in Wenigem

Bevor wir dann mit dem eigentlichen Üben begonnen haben, kam noch der Hinweis von Gianni und auch Wolfgang, dass es wünschenswert wäre, wenn wir in den folgenden Blogposts weniger davon berichten würden was wir in chronologischer Reihenfolge am Übungstag gemacht haben. Wir sollten uns vielmehr darauf fokussieren und beschränken die Atmosphäre einzufangen, also das persönliche, individuelle Erleben mit unseren eigenen Worten bebildern.

Dieser Hinweis erinnerte mich sogleich an einen der weisen Aussprüche, der mich schon seit meiner systemischen Coachingausbildung begleitet „Seid lieber vielfältig in Wenigem, als einfältig in vielem.“ Daran möchte ich mich dann nun auch in diesem und den folgenden Blogbeiträgen halten.

Zunächst möchte ich meine Eindrücke vom Proben der ersten Szene in der Leonce zunächst alleine die Bühne betritt schildern.

In der allerersten Szene des Stücks betritt Leonce die Bühne mit einem geschulterten Strick und einem kleinen Meditationsbänkchen in der Hand. Leonce sucht nach dem am besten geeigneten Ort, um sich aufzuhängen und seinem Leben in Langeweile ein aufsehenerregendes Ende zu bereiten.

Während ich die Bühne als Leonce betrete, bittet mich Wolfgang, laut auszusprechen was Leonce gerade so durch den Kopf geht. Über was macht er sich Gedanken? Dieser ausgesprochene Subtext soll mir dabei helfen mit meinem Wesen, mit meinem Sein, mit meinem Körper und meiner Mimik auszudrücken was gerade in Leonce vorgeht. Der Zuschauer soll ja schließlich miterleben können was die Figur auf der Bühne gerade erlebt.

Es dauert nicht lange bevor es aus mir heraussprudelt.

„Ha, da ist er ja, der optimale Balken über den ich mein Seil werfen kann, um es dann als Strick nutzen zu können…“

Es muss ganz deutlich werden, so gibt Wolfgang die Regieanweisung, dass es einen Moment gibt in dem Leonce es sich anders überlegt und entscheidet seinen theatralischen Abgang zunächst noch einmal auf einen anderen Moment, einen anderen Tag zu verschieben. Im Subtext höre ich mich dann auf dem Meditationsbänkchen stehend, dem Seil in der einen Hand und mit der anderen Hand den Zeigefinger nach oben zeigend und die Augenbrauen nach oben ziehend, sagen:

„Ach, das geht ja gar nicht, dass ich mir jetzt das Leben nehme, ohne dass ich mich gebührend von meiner Rosetta verabschiedet habe.“

Ich trete vom Meditationsbänkchen herab und werfe das Seil mit beiden Händen haltend wie ein Springseil über meinen Kopf nach vorne und lege es einen Kreis formend vor mir ab. Im Anschluss daran setze ich mich mit dem Bänkchen meditierend in den Kreis, der ab diesem Zeitpunkt zu meinem Reich wird. Mein Rückzugs- und Schutzraum, in den Niemand außer mir Zutritt hat. Niemand, außer vielleicht Rosetta.

In der Abschlussrunde stellen dann Gianni und ich fest, dass wir beide unabhängig voneinander während der Szene den Einfall hatten, dass sich Leonce auch wenn er sich nicht mit dem Kopf in die Schlinge gehängt hat, doch weiterhin in der Schlinge festsitzt. Und, dass das Leben in der Schlinge dem Tod ziemlich nahe kommt. Leonce lebt in seinem beengten, wenn auch sicheren Raum das Leben eines Scheintoten, abgekapselt von den Herausforderungen, den Risiken, aber auch den Genüssen, des wahren Lebens, welches sich außerhalb des Seilkreises abspielt.

Nachdem sich Leonce in seinem Reich eingerichtet hat, betritt dann die Hofdame (Sigrid) die Bühne.

Im schwarzem Bühnenraum steht links eine Frau mit hohem, fast pristerlichem Hut und sieht in Richtung des Mannes, der vorne rechts mit einer Krone steht. Er hat einen starken Gesichtsausdruck.

Die Hofdame

Die immer gleiche Frage lautet für uns beide: An welchen Stellen im Textverlauf gehen Leonce und die Hofdame in Kontakt miteinander und wie gestaltet sich dieser Kontakt? Welches sind die Fixpunkte der Begegnung, an denen wir uns immer wieder orientieren können. Diese Fixpunkte sind wie kleine Inseln auf dem Meer beschreibt es Wolfgang für uns. Sie bieten uns Halt. Und weist gleichzeitig darauf hin, dass sie nicht in Stein gemeißelt sind, sondern wir immer wieder prüfen sollen ob die Kontakt-Insel angesteuert wird oder eben nicht. Wir müssen aus dem Moment heraus entscheiden, ob es für die Figur als stimmig erlebt wird oder nicht und wir haben ja den Subtext zur Verfügung, um mitzuteilen, wie es die Figur jetzt gerade erlebt und was sie sich jetzt von den anderern Figuren wünscht. Ein Beispiel für den Subtext:

Leonce wünscht sich jetzt von der Hofdame, dass Sie sich so lange zu Leonce hinunterbückt und ihm die Bücher hinreicht, bis Leonce sich wieder von der Hofdame abwendet.“

Nun ein Gedankensprung hin zu den Gebärden. Es fasziniert immer wieder, zu sehen, dass die von uns im Vorfeld ausgewählten Gebärden auf einmal zum Text passen, ganz ohne, dass es vorher durchdacht, geschweige denn geplant gewesen ist. Es passiert einfach in dem Moment. Wolfgang weißt uns immer wieder daraufhin, dass uns die Gebärden und auch der Gelenktanz vor allem zur Konzentration und Inspiration dienen und sie nicht funktionell eingesetzt und nicht unbewußt ablaufen dürfen. Jede Gebärde, jedes Beckenkreisen muß in vollem Bewusstsein ausgeführt werden. Erst dann entfaltet es seine Wirkung, dann wird unser Körper zum Regisseur und gibt uns Spielimpulse, denen wir unbedingt vertrauen sollen. „Und vermeidet unbedingt die naturalistische Darstellung beim Einsatz eurer Gebärden (bei der Verwendung eurer Hände)“ höre ich Wolfgang gerade in meiner Imagination rufen, während ich diese Zeilen tippe, höre ich ihn uns zurufen:

„Und auch bei den Textpassagen, die dazu verleiten in eine traurige, depressive Stimmung zu verfallen, unbedingt Leichtigkeit hineinbringen, alles Schwere hinaus nehmen.“

 

Im schwarzem Bühnenraum steht eine junge Frau, schwarz gekleidet und mit einem roten BH. sie hält ihre linke Hand nach rechts in Richtung des Mannes mit dem Lorbeerkranz. ER berührt ihre Hand mit seinen Finderspitzen. Er genießt diesen Moment.

 

Fingerspitzen knistern

Nach der Pause haben wir dann mit einer weiteren Aufwärmübung begonnen. Wolfgang hat die Musik aufgedreht und uns gebeten mit einem Partner zusammen zu tanzen. Wir sollten dabei darauf achten, dass wir den Körper des Partners berühren und auf den Einsatz der Hände weitestgehend verzichten. Das ganze mit geschlossenen Augen. Ich wurde Belgin zugeteilt und im Laufe des Abends stellte sich dann heraus, dass Wolfgang diese Zuteilung nicht zufällig gewählt, sondern mit Kalkül vorgenommen hatte. Nach 5-minütigem Körpertanz rief Wolfgang, dass jetzt nur noch Rosetta und Leonce, also Belgin und ich weiter tanzen sollten und wir uns nun langsam innerlich darauf einstellen sollten, dass wir unsere Tanzbewegungen in einigen wenigen Momenten mit den Rollentexten der Abschiedsszene verschmelzen lassen sollten. Wow. Das war ein wirklich aufregender Moment. Schwer atmend, weil ich Rosetta noch vor einigen, wenigen Sekunden mit ihrem Rücken auf meinem Rücken liegend in die Luft gehoben hatte, kamen nun die Zeilen des Abschieds, der Trennung über meine und ihre Lippen. Die beiden Körper begannen sich im Zeitlupentempo voneinander zu lösen, so dass anfänglich nur noch die Arme, dann nur noch die Hände und zu guter Letzt nur noch die Fingerspitzen einander berührten, bevor es zur vollständigen Abnabelung kam. Da hat es wirklich geknistert. Amor und Eros lassen grüßen.

In der darauffolgenden Szene mit Leonce und Valerio ging es dann auch wieder um den Kontakt der beiden Figuren. Wie beziehen sie sich aufeinander? Was fühlen sie, was nehmen sie jeweils von der anderen Figur wahr? Wolfgang machte uns den Vorschlag einmal wirklich in Kontakt zu gehen. Valerio sollte seine Hand über die Grenze des Seils hinweg zu Leonce ausstrecken und Leonce sollte sie ergreifen. Um dann Auge in Auge schauend, den Rollentext, erweitert um eigene Einfälle, mit natürlichen Sprechstimmen zu sprechen. Auf einmal wurde der vorher noch hölzerne, unpersönliche Austausch zu einem ganz spielerischen, leichten, kindlich-heiteren Schau-Spiel, welches mit voller Wirkung auf die Zuschauer überzuspringen schien. Es wirkte wie ein Waldfeuer, welches mit unbegrenzten Mengen an Sauerstoff versorgt wurde. Wunderschön, knisternd und transformierend.

Schlussrunde

In der Abschlussrunde am Ende des Übungstages wurde mir erst im Sprechen bewusst, dass die Art und Weise, wie Belgin seit schon so vielen Monaten Leben in die Figur des Valerio hineingehaucht hat, sich von Mal zu Mal veränderte. Es kommt mir so vor, als würde Valerio zunehmend dekonstruiert und wieder neu zusammengesetzt waren die Worte, die mir im Sprechen einfielen. Wolfgang ergänzte mit den Worten „Häutung über Häutung, eine Häutung folgt der Anderen.“ Diese Momente der Realisation, in denen aufblitzt, dass wir nicht nur Schauspielschüler, sondern Bestand-Teile eines alchimistischen Prozesses sind, in dem keiner als die Person, als die Figur überleben kann, als die sie in den Prozess hineingetreten ist, sind wirklich außergewöhnlich bzw. magisch. Das ist das Wort, welches den Zauber des ritualisierten Schauspielweges für mich am besten zu fassen vermag.

 

Im schwarzem Bühnenraum sitzt ein Mann, schwarz gekleidet mit einem goldenen Lorbeerkranz auf dem Kopf und macht Handgebärden. Vorne rechts sieht eine Frau mit grünem Hut und grünen NEtzhandschuhen lachend ins Foto.

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