Schauspielunterricht mit den Anderen

Schauspielunterricht mit den Anderen

Von Sigrid Loose-Abendroth | 29 Januar 2018 | 0 Kommentare
Gruppen-Schauspielunterricht im Theater Labor

Gestern hatten wir einen ganz wunderbaren, berührenden und intensiven Übungsnachmittag, über den ich gerne etwas berichten möchte. Wir waren  sieben Teilnehmer, gemischt aus beiden Unterrichtsgruppen von Montag und Dienstag. Viele der mehr oder weniger „Neuen“ waren dabei. Dies freute mich besonders, weil sie mit ihrer offenen, erfrischenden Art die Gruppe beleben und bereichern.

Was hat mich gestern so berührt?

Erst einmal der perfekte Beginn mit Atemmeditation und Vokaltönen. Dann die Körperübungen: sich vorstellen, mit den Füßen über weiches Moos, in tiefem Sand oder über heißes Pflaster zu gehen; mit Gelenken, Ellenbogen, der Wirbelsäule Gefühle wie Liebe und Verachtung ausdrücken, sich des Knochengerüsts bewusst werden. Dies inspirierte zu intensiven inneren Bildern, verfeinerte meine Innenwahrnehmung und das Bewusstsein für die Möglichkeiten des Körperausdrucks.

Dann die erste Berührung mit dem Text von Schillers Drama „Die Braut von Messina“: Jeder durfte sich einen Satz aussuchen und diesen der Gruppe vortragen. Die Bedeutung der Sprech- bzw. Atempausen wurde geübt und deutlich bewusst gemacht.

Besonders eindrucksvoll war für dann der nächste Übungsschritt.  Mit dem körperlichen und mimischen Ausdruck   einer der universellen Emotionen (Trauer, Wut, Angst, Liebe, Freude, Neid, Scham, ….) und/ oder mit einer Vorstellung, wie z.B. über spitze Steine zu gehen, sollte ein Satz aus dem Schillertext gestaltet werden. Dinah trug mit dem Ausdruck übersprudelnder  Freude eine dramatische Textstelle vor und Belgin äußerte voller Scham Liebe und Verlangen. Der Text erhielt eine ganz eigene Wirkung, als er mit der verfremdeten Gehweise gesprochen wurde. Und was für ein Unterschied machte die verkörperte Emotion im Vergleich zu dem spontanen, alltäglichen Körperausdruck, bei dem man aus Liebe vielleicht nur die Arme ausbreitet oder die Hände ans Herz drückt! Der Kontrast oder die Dissonanz zwischen körperlich ausgedrückter Emotion und Gefühlsinhalt der Worte führte bei mir zu gespannter Aufmerksamkeit und faszinierte mich sehr. Jetzt begriff ich nochmal deutlicher die Wirkung von Verfremdung. Sie ermöglicht einen besonderen intensiven darstellerischen Ausdruck und verhindert Banalität oder auch Kitsch. Gut, das hier zu lernen!

Schön war auch das Erleben, mit  welcher Freude und Offenheit sich alle auf die Übungen einließen.

Eine Frau, im schwarzem Bühnenhraum, hat die Knie leicht gebeuigt und hält beide Arme ausgestreckt und die Hände sind offen dem Publikum gegenüber

Auf der Pobebühne

Im Bühnenraum kam es zum Einsatz einiger universeller Gebärden (z.B. das Schöpfen, mittlere und obere Darbietung, Handflächen zusammen legen oder  vor das Gesicht halten). Es war sehr eindrucksvoll für mich zu sehen, wie diese dem Spiel von Elena einen ganz besonderen Ausdruck verliehen. Da hat „Es“ gespielt, nicht der sowieso viel zu viel beanspruchte Kopf hat Regie geführt. Elena drückte es so  aus: „ich war irgendwie in einem anderen Zustand“.

Als Zuschauerin hat mich dann auch sehr der von Wolfgang so sensibel gesteuerte Prozess von Walter fasziniert und gefreut. Am Anfang noch scheu und mit leiser Stimme sprechend, kam er immer mehr aus sich heraus, seine Stimme wurde kräftiger, sein Ausdruck facettenreich und intensiv. Dies alles wurde ihm möglich z.B. durch die Aufforderung, den Ausruf „Mord,Mord“ ! weit entfernten Menschen zu zurufen. Oder das „Eilt herbei !“ mit den gelernten Gebärden und nicht mit dem üblichen Heranwinken zu begleiten. Wir alle fühlten und gingen richtig mit und freuten  uns über die Öffnung und die zunehmend mutigeren Äußerungen von Walter.

Ein Mann, im shcwarzem Bühnenraum, hebt beide Arme über den Kopf und scheint etwas zu rufen.

Es ist schon erstaunlich, was Wolfgang durch seine  sensible und fordernde (fördernde !) Arbeit aus jedem von uns heraus holt. Ich habe es selbst erlebt und erlebe es auch immer wieder tief berührt und dankbar als Zuschauerin bei den Anderen.

Der körperliche Ausdruck oder die Körperverfremdung, welche stets die erste Reaktion (vor dem Sprechen) sein müssen, der Einsatz der Gebärden, das Sprechen mit Atempausen, Extemporieren und Imaginieren – all dies und wahrscheinlich noch viel mehr haben wir geübt. Die Wirkung zeigte sich in den glänzenden Augen und der fröhlichen Stimmung zum Schluss. Ich fühlte mich froh, gestärkt und voller Vertrauen auf den weiteren Prozess.

Der Nachmittag endete mit vielen positiven Feedbacks und ja, es hätte noch lange so weitergehen können. Aber es gibt ja zum Glück nächsten Montag und Dienstag wieder . Darauf freue ich mich schon.

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