Zum Inhalt springen

Warten auf den Wandel

Warten auf den Wandel

Von Sigrid Loose-Abendroth | 07 November 2020 |

Einiges ist jetzt neu

Wir haben neue Mitspieler*innen bekommen. Seit Montag sind wir zu sechst, eine ganz gemischte und sehr spielfreudige Gruppe. Ich freue mich sehr darüber.
Seit einigen Wochen arbeiten wir im Schauspielunterricht am Montag an einer Szene mit absurd-komischen Elementen. In dieser Szene gibt es 4 Mitglieder einer Familie, Mutter und Vater, die Tochter und den Sohn, seine Freundin und eine außenstehende Person, mal ist es die Nachbarin, mal ein Kunstkritiker ….

Wir bereiten uns auf die Szene vor und klären erst einmal die wichtigen vorbereitenden Fragen. Z.B. welche Figur der einzelne in der Szene einnehmen möchte, was auf der Bühne gebraucht wird und was wir als Kernaussage der Szene verstehen. Diese Kernaussage variiert ein wenig für jeden von uns, aber eines nennen wir alle: Eine Familie in der Krise wartet auf Hilfe von außen.

Die Figur der Mutter

Links sitzt die Mutter, mit einem Strohhut schaut sie griesgrämig nach links oben. Am Tisch sitzt der Sohn mit einem blauen Hut und ist über etwas erstaunt.Als es um die Figurenverteilung geht, entscheide ich mich rasch wieder für die Figur der Mutter, sie macht sich Sorgen um ihren Sohn. Sie versteht ihn nicht richtig und möchte, dass er sich endlich für eine Berufsausbildung oder Zukunftsperspektive entscheidet“ und nicht nur träumt, tanzt, spielt , usw. Ich kann mich gut in die innere Situation einer hilflosen aber stets bemühten Mutter hineinfühlen und habe Lust, sie überspitzt zu zeigen. Ich mag diese Figur und bedauere sie gleichzeitig.

Die Szene spielt im Wohnzimmer der Familie. Also richten wir auf der Bühne eine Wohnzimmeratmosphäre mit gedecktem Tisch her und alle Figuren nehmen einen Platz ein. Requisiten sind Kaffeekanne und Tassen. Ein Stegreifspiel kann beginnen. Wir beginnen frei zu improvisieren. Wie schon in der Woche davor bekommen die Figuren von uns Spielenden rasch ganz individuelle Charaktere und Eigenarten, und es entfaltet sich eine bedrückende Familienatmosphäre. In der spontanen Interaktion wird rasch deutlich, wie die Beziehungen untereinander sind. Da ist z.B. die Schwester des Sohnes, renitent und sich beklagend, respektlos im Ton gegenüber der Mutter. Sie scheint sich innerlich schon von der Familie gelöst zu haben. Ein wenig ist sie wohl auch besorgt um ihren Bruder.

Die Mutter ist bemüht um eine gute Stimmung in der Familie. Versucht zu beschwichtigen, scheitert damit immer wieder. Sie lässt sich von ihrem Mann schikanieren, versucht mit ihrem Sohn in Kontakt zu kommen und scheitert auch hier. Ihre Hilflosigkeit wird deutlich. Der Vater ist stur, wortkarg, unverschämt gegenüber seiner Frau. Er wirkt resigniert und nicht sehr an seiner Familie interessiert. Er scheint aufgegeben zu haben, sich um das Wohl seines Sohns zu bemühen.

Der Sohn soll unter seine Fittiche

Links am Tisch sitzt der Sohn mit seinem blauen Hut und überlegt etwas mit heiterem Gesicht. Rechts sitzt der Vater und zeigt ein ratloses GesichtDer Sohn bleibt etwas abseits, verweigert den Kontakt mit seinen Eltern. Er scheint nicht so recht in die Familie zu passen. Er drückt mit seinen tänzerischen Bewegungen mehr aus als mit Worten: Zerrissenheit, Gequältheit, Aufbäumen, Warten, Hilflosigkeit, Protest ?

Die Familie in der Szene scheint festgefahren in hilflosen, sich wiederholenden Interaktionen. Ein geschlossenes System, in dem ein Mitglied, der Sohn, durch seine Auffälligkeit signalisiert, dass etwas geschehen muss. Und was soll geschehen? Rettung soll von außen kommen. Und so warten alle auf das Erscheinen von Herrn K., einem alten Bekannten vom Vater. Dieser ist beruflich erfolgreich und soll den Sohn unter seine Fittiche nehmen, vielleicht sein Mentor werden. Nur: er kommt nicht !

Es ist erstaunlich, wie es uns allen gelang, diesen Figuren einen ganz individuellen Charakter zu geben. Wir hatten sehr viel Freude daran, die Zeit verging wie im Flug, und wir gingen mit einem Lächeln auseinander, und ich freue mich schon auf den weiteren Prozess am  nächsten Montag.

Warten auf den Wandel.  Das ist für mich die Kernaussage dieser ersten Szene. Was kann einen Wandel bewirken? Eine Öffnung dieses Familiensystems für und durch eine andere Person. Wird sie kommen und wird eine Entwicklung gelingen? Spannende Inhalte für die nächsten Szenen.

Zurück zu unserer Schauspielgruppe am Montag

Wir wandeln uns ständig: durch neu hinzukommende Mitglieder, neue Übungen, die Wolfgang uns anbietet, ständiges Neu-Erfinden der Szenen, die wir auf der Bühne gestalten, … ein ständiger Erneuerungs- und Wandlungsprozess. Das ist es, was mich immer wieder begeistert, sicher auch beansprucht, aber vor allem inspiriert und bereichert.

Link zum Schauspiel-Studium

Teile mit:

5 Kommentare

  1. Veröffentlich von Doris Horn am November 13, 2020 um 11:27 am

    Lieber Wolfgang,
    obwohl nicht an mich gerichtet hat mich Dein Kommentar zu Sigrids Blog sehr gefreut, weil Du dabei die Kernstücke Deiner Schauspiel-Philosophie
    und Deine einfühlsamen Betrachtungen zum Spielgeschehen beschreibst.
    Merci
    Gruß Doris

  2. Veröffentlich von Doris Horn am November 13, 2020 um 11:13 am

    Liebe Sigrid
    Immer wieder lese ich Deine mit großer Leichtigkeit geschriebenen Blogs
    mit Neugier und Freude. Deine Beschreibung von Bühnenatmosphäre und Deine Charkterstudien der einzelnen Figuren sind eingängig überzeugend.Danke
    Danke. —
    Gruß Doris

  3. Veröffentlich von Sigrid Loose-Abendroth am November 8, 2020 um 2:56 pm

    Danke, lieber Wolfgang, für deinen so persönlichen und wertschätzenden Kommentar. Ich bleibe neugierig und freue mich auf den weiteren schöpferischen Prozess mit dir, Gianni und allen Mitspieler*innen.
    Sigrid

  4. Veröffentlich von Wolfgang Keuter am November 8, 2020 um 1:40 pm

    Das ist es, was mich immer wieder begeistert, sicher auch beansprucht, aber vor allem inspiriert und bereichert.
    Das sind starke Worte von Dir. Danke.
    Ja liebe Sigrid, so soll es auch weitergehen.

    Immer wieder von Grund auf Erneuern, Aufblühen, auch Vergehen – um sich immer wieder etwas mehr zu vervollständigen. Ein Training, das uns seelischgeistig und leibkörperlich erfasst und weiterbringt. Unsere Übungen, Module, der gebärdenhafte Ausdruck, die dialogischen Interaktionen und Figurenfindungen, die atemrhythmischen Bewegungs,- Atem- und Stimmprogramme beanspruchen. Gelingt uns das ökonomische Zusammenspiel evoziert es starkes und wahrhaftiges Ausdrucks- und Spielglück. Die Erfahrung sich Selbst nahe zu SEIN.
    Du hast diese Geschehnisse am eigenen Leib bis ins Mark und manchmal bis an den Rand des Aushaltbaren gelebt, Dich nicht geschont und gestrahlt wenn Du dem Traumgesicht nahe gekommen bist.
    Das verbindet uns.
    Ja liebe Sigrid, so soll es weitergehen – in wechselnden Rollen mit wechselnden Schwerpunkten, durchdungen von schöpferischer Neugier.
    Weiterhin toi toi toi. Dir und mir. Wolfgang.

  5. Veröffentlich von Zaid Khodaida am November 8, 2020 um 11:09 am

    Hallo,
    ich freue mich auch mega auf diese Szene, auf diese Figuren, Verweigerung, Hilflosigkeit, aufgeben, Verzweiflung…
    Ich bin gespannt, wie es nächste Woche beginnen wird.
    Grüße
    Zaid

Hinterlassen Sie einen Kommentar






Nach oben scrollen