Was ich anhand meines Kostüms über mich erfuhr.

Was ich anhand meines Kostüms über mich erfuhr.

Von Dinah Köhler | 05 Juni 2018 | 0 Kommentare
Eine Teilnehmerin des Schauspielunterrichts übt Gesichtsausdrücke

Jedes Mal, wenn ich mich auf den Weg zum Unterricht befinde, denke ich darüber nach, was mich dieses Mal erwartet. Nach fast einem halben Jahr ist die Aufregung verschwunden. Die Menschen und der Ort sind mir bekannt und das Vertrauen wächst. Die Macht meines Kostüms möchte ich hier genauer beschreiben:

So wurde ich von einer Frau zum Mann.

Ich fühle mich nun wie zu Hause, wenn Wolfgang den ritualisierten Sitzkreis eröffnet. Er kündigt an, dass wir uns heute eine Figur aus „Die Braut von Messina“ aussuchen dürfen und diese mit einem selbst ausgesuchten Kostüm zum Leben erwecken sollen. Ich entscheide mich für Don Cesar. Obwohl er ein Mann ist (ich eine Frau), fasziniert mich die etwas dunkle Seite, die er verkörpert. Die Eifersucht und impulsiven Gefühle die er haben muss und die dazu führen, dass er seinen eigenen Bruder umbringt, ziehen mich irgendwie an. Nach einer Meditationsübung im langsamen Gehen und einigen Singübungen (die ich am meisten liebe), gehen wir mit Gianni in den Kostümraum.

Kostümwunsch: männlich und kämpferisch!

Belgin fällt mir auf, die sich sofort daran macht die Hochzeitskleider anzuprobieren. Ich überlege kurz auch eines anzuprobieren. Zaghaft stehe ich vor den Kleidern. Aber nein. Ich habe Lust ein Mann zu sein! Ich will wissen, wie es ist einer zu sein, eine Frau zu erobern und für sich zu gewinnen. Gianni hilft uns dabei das Richtige zu finden und fragt mich, was ich denn suche. „Etwas männliches und etwas kämpferisches“ ist meine Antwort und schon steht er mit einer Samurai-Hose da, die ich sofort anprobiere. Das Kleidungsstück gefällt mir. Die Hose wird mit breiten Bändern um die Taille geschnürt und das Hosenbein fällt mehr als weit aus. So weit dass keine Füße mehr zu sehen sind. Gianni erklärt später, dass die Hose so geschnitten ist, damit der Gegner nicht sehen kann, wie sich die Füße während des Kampfes positionieren. Hier noch ein Lob an Gianni, der zum einen die Kleidungsstücke selbst designt und genäht hat, und zum Anderen uns intuitiv dabei geholfen hat die richtige Kleidung zu finden! Jeder von uns hatte genau das Richtige an.

Was das Requisit über mich weiß.

Im „Schwarzen Raum“ darf also nun jeder von uns einzeln auf die Bühne. Aufgabe ist es, während des gesamten Bühnenauftritts sich nur mit dem Kostüm zu beschäftigen. Es zu berühren, anzuziehen, als Gegenstand zu benutzen… zum Leben zu erwecken. Ziel ist es zu lernen mit dem Kostüm als Requisite umzugehen. Um so dem Zuschauer eine möglichst interessante und abwechslungsreiche Performance zu bieten.
Belgin geht in einem bunten Flamenco-Kleid und einem Fächer auf die Bühne. Sie sieht toll aus. Als sie beginnt ist es so, als hätte sie nicht nur ein Kleid, sondern direkt eine komplett andere Person übergezogen. Plötzlich habe ich eine spanische Beatrice vor mir, die uns in einem einwandfreien spanischen Dialekt zeigt, was sie mit Don Manuel tun möchte, wenn er endlich wieder da ist. Sie präsentiert uns ihr Kleid und fängt an mit lauten, temperamentvollen, stampfenden Schritten einen Flamenco zu tanzen. Das Kleid und der Fächer helfen ihr sich zu verwandeln und uns zu zeigen wer Beatrice ist. Eine sehr weibliche, temperamentvolle Frau, voller Leben. Das war beeindruckend und unterhaltsam.

Mit Degen, Charme und glitzernem Jackett

Walter hat sich für ein pinkes, glitzerndes Jackett, einem Degen und einem spanischen Zorro-Hut entschieden. Als Don Manuel geht er über die Bühne, danach ausschauend wo denn seine Beatrice bleibt. Er zieht sein Jackett zurecht, spielt am Hut … er scheint mir etwas nervös zu sein was seine Gesten mit der Kleidung wiederspiegeln. Ein starker, komödiantischer Moment entsteht, als er sich auf das Sofa setzt. Sein Fokus ist plötzlich auf seinen Degen gerichtet der an seiner Hüfte befestigt ist. Don Manuel setzt sich also auf das Sofa, richtet seine Kleidung und schaut dann auf seinen Degen, der nun neben ihm liegt. Er fasst den Degen an, richtet ihn, schaut ihn an und platziert sich selbst und sein Requisit bis er in kerzengerader Haltung da sitzt und hofft, dass seine Beatrice nun erscheint. Es war, als ob er mit dem Degen in einen Dialog gegangen ist, nach dem Motto: „Wir beide, wir zeigen Beatrice wie gut wir aussehen. Wir müssen uns präsentieren und ihr zeigen dass wir ihrer wert sind“.

Der Schal wird zur imaginierten Tochter

Einen ähnlichen Moment mit einem Requisit hat Gabriela, die sich ein Kleid, einen Damenhut und einen Seidenschal als Kostüm gewählt hat. Als Isabella sehnt sie sich danach, ihre Tochter Beatrice nach langen Jahren endlich wieder zu sehen. Der Schal, der zuvor noch über ihren Schultern lag, liegt nun in ihren Händen. Sie streichelt das Stück Stoff und beginnt mit einer weinerlichen Stimme zu erzählen, wie sehr sie ihre Tochter vermisst. Es wirkt ein wenig so, als würde sie anstelle des Schals ihre Tochter berühren. Wieder wurde ein Requisit zum Leben erweckt. Welches noch schöner und lebendiger wurde, als sie aufsteht und davon erzählt, wie schön es sein wird, wenn sie Beatrice wieder sehen wird. Dabei legt sie den Schal um eine imaginierte Person (Beatrice) und zieht diese dann an sich heran. Es war, als würde sie mit dem Schal ihre Tochter umhüllen und dann ganz sachte in ihre mütterlichen Arme nehmen. Isabella hat aufgehört zu weinen und ihr Gesichtsausdruck wurde dabei ganz weich. Ein schöner und liebevoller Moment.

…und die Stimme wird auch noch klarer.

Marcus hatte an diesem Abend das pompöseste Kleidungsstück von allen gewählt. Er trug einen großen, blauen Umhang mit Federn und sah damit aus wie ein bunter König. Dazu hatte er einen kleinen, dünnen Degen in der Hand. Er beginnt seine Szene als Don Manuel, der in seinem Gemach ist und bekommt die Anleitung von Wolfgang sich vorzustellen, dass er vor einem Spiegel steht. Dieser ist direkt zum Publikum gerichtet. Er steht also vor dem Spiegel und richtet seinen Umhang. Er will gut aussehen für Beatrice. Dann beginnt er mit seinem Degen in die Luft zu stechen und herum zu fuchteln. Er wirkt etwas unbeholfen und nervös. Wolfgang will mehr davon sehen und nach einiger Zeit fällt auf, dass die Stimme von Don Manuel viel klarer, akzentuierter und deutlicher geworden ist. Es war, als hätte er den Degen benutzt um etwas raus zu lassen was ihn vorher daran gehindert hat diesen Don Manuel zu zeigen. Einen etwas schrägen aber liebenswerten Don Manuel, der sehr darauf bedacht ist, ordentliche und schicke Kleidung zu tragen.

Mein Auftritt als Mann – doch alles irgendwie fremd?

Als ich dran bin und auf die Bühne gehe, bin ich mir plötzlich doch gar nicht mehr so sicher darüber, ob ich mir tatsächlich die richtige Figur ausgewählt habe. Es fühlt sich plötzlich alles sehr fremd an. Die Hose und den Hut, die ich eine halbe Stunde vorher noch ausgesucht hatte, hätte ich am liebsten ausgezogen. Ich stehe also auf der Bühne und Wolfgang fragt mich, wen ich darstelle, wo ich mich befinde und wie die Gemütslage ist. Ich antworte, dass ich Don Cesar bin, der sich auf dem Weg zu Beatrice befindet. Er freut sich darauf sie wieder zu sehen, weil er sie so lange gesucht und nun endlich gefunden hat. Da ist allerdings auch noch ein anderes Gefühl, welches ich noch nicht ganz deuten kann.

Wie war der Text noch gleich?

Ich beginne also mit meiner Szene und der Aufgabe mich ausschließlich mit meinem Kostüm zu beschäftigen. Ich streiche meine Hose glatt, nehme den Hut in die Hand, setzte ihn wieder auf und sage dass ich gut aussehen muss für meine Beatrice. „Frauen wollen einen gutaussehenden Mann, einen ’machtvollen’ Mann!“ Bei diesen Worten streiche ich mit meinem Zeigefinger um den Rand meines Hutes. Kälte breitet sich in meinem Don Cesar aus, aber auch Unsicherheit. Was hat er denn da gerade gesagt? Ich weiß gerade nicht was ich tun soll. Ich tue irgendetwas, sage irgendetwas woran ich mich nicht mehr erinnere….

Gruppe beim Schauspielunterricht im Theater Labor

Wut, Kälte und dann Befreiung!

Wolfgang interveniert, was genau er gesagt hat, weiß ich auch nicht mehr. Auf einmal fühle ich Wut. Ungeduld. Wieder diese Kälte… Ich gehe etwas in die Knie, greife meine Samurai-Hose an den Außenseiten, reiße sie in einer ruckartigen Bewegung auseinander und rufe boshaft “Wer braucht schon Liebe. Keiner!“ Dies soll ich wiederholen. Diesen Satz und diese Bewegung fühlen sich irgendwie frei an. Als würde ich etwas angestautes endlich raus lassen. Danach wiederhole ich nochmal die Worte, dass eine Frau einen machtvollen Mann an ihrer Seite braucht….

Nimm deine Gefühle an.

Ich wünsche mir Feedback von Belgin und während sie spricht verspüre ich auf einmal Scham. Ich habe eine Figur gezeigt die „eigentlich“ ganz konträr zu meiner Persönlichkeit ist. Oder?

„Ist es doch ein Teil von mir, den ich bisher nicht ausgelebt habe, nicht ausleben durfte?“

Wolfgang sieht es mir an und fragt was los sei. Ich antworte und er kommt auf mich zu, nimmt meine Hände und sagt, dass ich es annehmen soll.

Die Tage danach…

Tage danach fühle ich noch immer diese Scham in mir. Und ich bin etwas erschrocken über meine gewählten Worte. Jetzt, wo ein paar Wochen vergangen sind und ich nun darüber schreibe/reflektiere, fühlt ich es sich jedoch gut an. Keine Bewertung mehr.

Der Kontakt zu mir selbst.

Dieser Tag hat sehr schön gezeigt, wie der Umgang mit Requisiten mir und den anderen Schauspielern dabei hilft in Kontakt mit uns selbst zu kommen und einen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu schaffen. Beim Beobachten der Anderen kam es mir vor wie ein Wechselspiel. Der Schauspieler lässt das Kleidungsstück zum Leben erwecken und rückwirkend verleiht es der Person auf der Bühne noch mehr Ausdruck. Das ist unterhaltsam und verstärkt die Performance auf der Bühne ungemein.

Wer bin ich?

Aber abgesehen davon, dass ich an diesem Tag etwas darüber gelernt habe, wie man mit Requisiten umgehen kann, habe ich vor allem sehr viel über mich gelernt. Wer bin ich eigentlich? Wo befinde ich mich gerade? Was gibt es noch über mich zu erfahren? Für mich persönlich sind diese Erkenntnisse unendlich wertvoll.

Ich bin Gianni und Wolfgang sehr dankbar für ihre Organisation, Leitung und Intuition, die es mir ermöglichen mein eigenes Mysterium für einen Moment weiter erkunden zu können.

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