Dankbar

Dankbar

Von Gabriela Dierkes | 14 März 2018 | Kommentare deaktiviert für Dankbar
Theatergruppe im Theaterlabor verabschiedet sich vom Publikum

Dankbar, dass ich dabei sein konnte. Das zweite Mal bei einer offenen Probe. Leonce und Lena. 

Das Publikum versammelt sich. Gianni tritt ein und begrüßt dann das Publikum. Ein bisschen verspätet, da noch Gäste vom Niederrhein erwartet werden. Doch sie sind noch nicht da. Und Gianni lässt es beginnen. Ein kleines Gemurmel noch in den Zuschauerreihen. Das Licht geht langsam aus. Und wer kommt?

Leonce

Wunderbar. Er betritt den Bühnensteg. Stampft mit den Füßen auf. Mit seinem Lorbeerkranz auf dem Kopf. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Lackschuhe. Wunderbar. Weiß geschminkt. Die Lider mit einem türkisfarbenen Stift gezeichnet. Die Lippen graublau gemalt. Schwarze Perücke. In der rechten Hand das dicke weiße Seil. (Diesmal nicht um den Hals gelegt), in der linken Hand das kleine schwarze Höckerchen. Leonce mit Ewigkeitsblick. Seine Zähne blinken. Er schaut durch das Publikum hindurch. Wunderbar. Und lacht ein wenig.

Im schwarzem Bühnenraum wird ein Mann mit Lorbeerkranz ein weißes SeilEr betritt die Bühne. Und diesmal nicht im Karree, wie beim letzten Mal, sondern bei jedem Richtungswechsel eine andere Gehweise. Es verwirrt mich ein wenig. Ich persönlich fand das einfache Gehen im Karree spannender. Ich fühlte damals ein Kribbeln, wann hört er auf zu laufen? Das war erregender für mich. Doch das Publikum vom letzten Mal wollte eine Änderung. Und so wurden daraus die verschiedenen Gehweisen. Einmal stampfte er mit den Füßen, dann machte Leonce sehr große Schritte. Er lief rückwärts, seitwärts. Es war abwechslungsreich. Doch für mich ein wenig zu viel und der Wechsel zu schnell.

Leonce lacht über sein Spiel

Leonce bleibt stehen. Nimmt das Seil. Schaut es an. Legt es sich Stück für Stück um den Hals. Und lächelt. Im Ewigkeitsblick. Ein Seilende zieht er nach oben. Stellt sich auf das Höckerchen (das er zuvor auf den Boden gestellt hat). Hält das Seilende fest und springt. So als wolle er sich erhängen. Wunderbar. Das ein paarmal wiederholt. Mit einer Freude, dass ich denke, er bringt sich gerne um.

Er lacht, lacht über sein Spiel. Nimmt das Seil nun in beide Hände, löst es von seinem Kopf. Und schlägt es über sich, so dass es vorne auf den Boden fällt. Nun bildet er mit dem Seil einen Kreis. Mit einer wahren Lust. Und erst jetzt beginnt er mit dem Text. Ach wunderbar, Peter, wie du dich gesteigert hast. Von mal zu mal wirst du besser. Und Leonces Melancholie kommt so gut heraus. Leonce will einmal im Leben ein anderer sein. Nur einmal.

Magda, die Hofdame

Im schwarzen Bühnenraum sitzt eine weiß geschminkte Frau und schaut nach links mit einer erhobenen HandDer Auftritt von Magda, der Hofdame. Wunderbar, mit der schwarzen hohen Haube auf dem Kopf. Wieder drei dicke Bücher im linken Arm. Langes schwarzes Gewand. Schwarze hochhackige Schuhe. Stark rotgeschminkte Lippen. Und ihren Tic. Die Lippen immer wieder verzogen. Nach links unten, nach rechts oben. Im Wechsel. Es ist schön anzusehen. Und ich denke, es ist schwierig. Spannend, es zu halten. Immer wieder. Auch Magda stampft fest auf, als sie den Bühnensteg betritt. Und mit Ewigkeitsblick und Tic Richtung Publikum. Sie schaut in die Bücher. Erstaunt, was darinsteht. Sie versteht es nicht, ist ja eine Hofdame. Nun geht Magda auf die Bühne. Hinkt ein wenig. Und immer wieder ihr Tic. Geht um Leonce herum. Mal vorwärts, mal rückwärts. Rechts vom Publikum aus bleibt sie stehen.

Mein Prinz, es ist so weit. Die Bücher warten. Sie müssen lernen.

Und Leonce.

Was wollen Sie von mir, Sie sehen doch, Magda, dass ich voll beschäftigt bin.

Und so geht das hin und her. Magda verzweifelt. Leonce entlässt Sie mit den Worten, es tut mir leid, dass ich Sie so lange aufgehalten habe, Magda. Sie sind entlassen. Und Magda zieht sich beleidigt, immer noch mit ihrem Tic, zurück. Setzt sich in den Korbsessel.

Valerio

Zwei Schauspieler versuchen etwas zu fangen, dass durch die Luft fliegt.In der Zwischenzeit geht der Scheinwerfer Richtung Tür. Und wer erscheint? Valerio, der immer lustige und lebensfrohe Valerio. Er lacht, aus vollem Herzen. Schneidet Grimassen. Zum Schreien. Schwarze Hose, schwarze Lackschuhe, schwarzes T-Shirt. Eine schwarze Kappe bedeckt den Kopf. Die giftgrünen Spitzenhandstulpen fallen voll auf. Geben etwas Lebendiges. Valerio geht etwas gebeugt. Betritt kichernd die Bühne. Mit einer herrlichen Lache, dass ich mitlachen muss. Es ist ansteckend. Auch Wolfgang, der neben mir sitzt, lacht. Valerio versucht Leonce aufzuheitern. Doch Leonce bleibt in seiner Melancholie.

Das Spiel geht weiter, Valerio möchte den Ochsen essen, der das saftige Gras gefressen hat, oder er möchte der Ochse sein, der dieses saftig grüne Gras frisst. Er kann keine vier Pfund Kirschen mit Steinen essen, oder davon Bauchweh zu bekommen. Er kann keinen Kirchturm herunterspringen, ohne sich den Hals zu brechen. Und dann, dann landet er dank Leonce Aussage, du bist ja ein Narr, Leonce,  im Narrenhaus. Dort bekommt er ein warmes Essen, ein warmes Bett und sogar umsonst die Haare geschoren. Und dann will er immer nur singen, Hei da sitzt a Fleig an der Wand. Und geht so singend in die linke Ecke auf den Stuhl. Macht auf dem Stuhl seine Späßchen weiter. Leonce weiter in seiner Melancholie. Bewundert heimlich Valerio, der so lebenslustig ist.

König Peter

In der Zwischenzeit wird es dunkel. Im Hintergrund holt Magda die König Peter Krone. Der Scheinwerfer ist auf Valerio gerichtet, der seine Späße treibt. Bewundernswert, wie Valerio seinen Fuß bis an sein Ohr zieht. Und mit dem Fuß Kasperle spielt. Mit ihm spricht. Das ist der absolute Hammer. Magda setzt Leonce die Krone auf und Leonce verwandelt sich zu König Peter. Er steht im Seilkreis. Der Scheinwerfer geht langsam auf König Peter mit der wundervollen Krone und dem grauen langen Spitzbart. Toll sieht er aus. Wie König Drosselbart. Und er fängt an zu sprechen.

Auf schwarzer Bühne steht links König Peter mit einem grauen langen Bart und seiner Krone. Er führt sonderbare Handgebärden aus. Recht von ihm steht die Hopfdame mit dem weißen Krönungskissen in der Hand.König Peter. Ich bin König Peter, ich muss denken, muss für mein Volk denken… So geht das weiter im kölschen Dialekt. Toll. Magda schleicht um ihn herum. Mit dem Kissen auf den Armen, wo die Krone drauf lag. Nun liegt dort der Lorbeerkranz. Und sie beobachtet König Peter. Immer wieder mit ihrem Tic.

König Peter, oh nein, wo ist mein Hemd, wo ist meine Hose. Mein kleiner König schaut heraus. Und verdeckt mit den Händen seine Blöße. Magda, warum hab ich einen Knoten im Taschentuch. Und Magda, Sie wollten sich an etwas erinnern. König Peter, an was wollte ich mich erinnern?Magda, König Peter, der Hofstaat wartet. König Peter, ja an mein Volk wollte ich mich erinnern. Ich wollte ihnen mitteilen, entweder heiratet mein Sohn morgen, oder auch nicht. Und Magda, ja, entweder oder. Ein schönes Spiel von den beiden. König Peter schwitzt. Er kann nicht reden, vor so vielen Menschen. Und erklärt die Sitzung für beendet. Und Magda, das letzte Wort, ja die Sitzung ist hiermit beendet. Es wird dunkel, Scheinwerfer Richtung Valerio, der immer noch seine Späßchen treibt. König Peter wird wieder zu Leonce. Steht mit dem Rücken zum Publikum. Blick auf die schwarze Wand.

Prinzessin Lena

Die Prinzessin kommt. Lena, in einem langen schwarzen Kleid. Ein eierschalfarbener breiter Spitzenkragen umgelegt. Einen zarten Blumenkranz im Haar. Lange cremefarbene Handschuhe. Schwarze Absatzschuhe. Schön sieht sie aus. Lena, die Prinzessin. Sie betritt den Bühnensteg. Stampft auf, Ewigkeitsblick Richtung Publikum. Schauspielerin mit Hochzeitsschleier hält Babypuppe vor sich.Rot geschminkte Lippen. Rosa Lidschatten. Und sie lacht. Verschüchtert. Ein wenig ängstlich. Sie betritt die Bühne. Geht Richtung Leonce. Stellt sich vor ihm. Er immer noch mit dem Rücken zum Publikum. Der Schatten beider Figuren zeigt sich an der Rückwand.

Die Gouvernante mittlerweile eine kleine Haube auf dem Kopf. Die Zofe von Lena. Sie versucht, Lena zu sich zu holen. Doch Lena reagiert nicht. Lena spricht im Wiener Dialekt. Wunderbar. Sie soll einen Mann heiraten, den sie nicht kennt. Wie soll sie ihn lieben. Gouvernante Lena, die Liebe kommt von allein. Doch Lena weicht aus. Das geht nun hin und her. Immer wieder versucht Gouvernante , Lena zu sich zu holen. Reicht ihr die Hand. Doch vergebens. Am Ende geht Lena mit einem schrillen Lied traurig und einsam von der Bühne. Es stimmt mich traurig. Das jemand zu einer Heirat gezwungen werden soll, den er gar nicht kennt.

Rosetta

Leonce tritt wieder in den Seilkreis. Sucht die Liebe. Und Magda, wieder mit ihrem Tic, Mein Prinz, morgen sollen Sie verheiratet werden und mit der Heirat gleichzeitig zum König gekrönt werden. Doch Leonce will nicht. Er will kein König werden. Er will nur Rosetta. Und ruft Rosetta. Seine Liebe.

Die Schauspielerin, in schwarzer Hose und schwarzem Shirt und drüber angezogenem roten BH, stellt sich in Pose und ein Mann schwarzgekleidet. Beide stark geschminckte Gesichter.Valerio hat sich in Rosetta verwandelt. Toll. Über dem schwarzen T-Shirt einen schicken roten spitzen Push-BH, der Busen zaubert. Klasse. Leonce ruft Rosetta, Rosetta ruft Leonce. Ihre Hände wollen sich berühren, doch noch zu weit auseinander. Rosetta schaut in den imaginären Spiegel. Richtet ihr Haar, schminkt sich die Lippen. Schön anzusehen. So echt. Sie geht ein wenig in Richtung Leonce. Und zieht ihr imaginäres Kleid aus. Arm für Arm streift sie es ab. Lässt es auf den Boden fallen und steigt heraus. Ich sehe das Kleid. Ein schönes Kleid.

Dann in koketter Weise geht sie zu Leonce. Lässt sich in seine Arme fallen und der Liebestanz beginnt. Es knistert. So erotisch. Tiefe Liebe. Doch dann, Leonce lässt Rosetta fast auf den Boden fallen. Er will nur noch ihre Leiche lieben. Wie grausam – grauenvoll – eiskalt. Ach Leonce, das darf nicht sein. Er schmeißt Rosetta weg. Aus dem Seilkreis. Und Rosetta, verzweifelt, um Liebe flehend, verlässt sie Leonce. Zieht ihr imaginäres Kleid an, geht traurig in die linke Ecke. Es erschüttert mich.

Rosetta wieder zu Valerio verwandelt. Fliegt lebenslustig zu Leonce. Und heitert Leonce auf. Leonce, was machen wir, was machen wir nur? Wir gehen nach Italien. Hei da ist a Fleig an der Wand. Singend und tanzend gehen beide von der Bühne.

Ein wundervoller Abend

Magda sitzt immer noch auf ihrem Stuhl. Mit ihrem Tic. Und die Hände abwechselnd hoch und runter, rechts und links. Eine einsame zurückgelassene Magda. Hält ihren Tic aus. Egal was kommt. Das Scheinwerferlicht wird immer weniger. Der Tic bleibt. Es ist dunkel. Still. Und dann, das erste Klatschen, ein Applaus, Bravo ruft Wolfgang neben mir. Er ist glücklich. Ich sehe es ihm an. Alles gut gegangen. Besser als zuvor. Blumen fliegen auf die Bühne. Die Schauspieler werden beworfen mit Blumen. Tolle Schauspieler, Dank Wolfgang, Dank Gianni.

Und ich gehe dankbar auf die Bühne, verteile die Rosen an Schauspieler, Wolfgang und Gianni. Ein Höhepunkt des Abends. Happy Birthday, liebe Sigrid. Sie hatte Geburtstag, und bekommt Blumen. Viele Blumen. Und lädt ein zu einem kleinen Snack und Umtrunk. Toll. Ein kleiner Snack? Es war der absolute Hammer. So viele Leckereien. Danke Sigrid.

Es war ein wundervoller Abend, der mir lange in Erinnerung bleibt. Die Steigerung der Schauspieler durch den Schauspielunterricht, die ich von Anfang kennenlernte. Wo sie alle noch schüchtern und unerfahren waren. Und dann dieses Spiel. Ich gratuliere allen, die es ermöglicht haben.

Herzlichst

Gabriela

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