Erste Gedanken zur „Braut von Messina“

Erste Gedanken zur „Braut von Messina“

Von Sigrid Loose-Abendroth | 17 Februar 2018 | 0 Kommentare

Zwei Frauen und ein Mann spielen eine Szene im Schauspielunterricht.Im Schauspielunterricht lesen und arbeiten wir jetzt mit Schillers „Die Braut von Messina“.
Was für ein Drama, welche Wucht der Sprache und was für eine Fundgrube von Familiendynamik und zwischenmenschlichen Konflikten. Vieles davon ist für mich mühelos auf das persönliche Erleben und in die Gegenwart übertragbar.

Konfliktdynamik

Da kämpft eine Mutter (Donna Isabella) verzweifelt um die Versöhnung ihrer beider Söhne (Don Manuel und Don Cesar): „Oh, meine Söhne, entschließet euch die Rechnung gegenseitig zu vertilgen, denn gleich auf beiden Seiten ist das Unrecht…… Der Siege göttlichster ist das Vergeben!“ Isabella muss schließlich aber erschöpft erkennen: „Jetzt weiß ich nichts mehr. Ausgeleert hab´ ich der Worte Köcher und erschöpft der Bitten Kraft…… machtlos steht die Mutter zwischen euch.“ Was für ein berechtigter Appell und wie nachvollziehbar ihre Ohnmacht.

Isabellas Sätze haben mich persönlich sehr berührt. Ich kann nachvollziehen, wie quälend es ist die Ohnmacht zu erleben, zwei Menschen nicht versöhnen zu können. Zwei Menschen, die einem nahe stehen, die sich aber gegenseitig ablehnen oder hassen weil sie sich (vielleicht völlig unbeabsichtigt) verletzt haben. Ja, der Feind meines Freundes kann/darf wohl nicht mein Freund sein – aber was ist, wenn ich den Freund und seinen Feind (bei Isabella beide Söhne) liebe? Ein unausgewogenes Beziehungsdreieck, wie die systemische Theorie diese Konstellation beschreibt.

Ein anderer dramatischer Inhalt ist die Schwere der Vergebung und Versöhnung. Auch wenn sich hiermit die Befreiung von Schmerz, Rachewünschen und Schuldgefühlen verbinden könnte und Spaltung oder Ausstoßung zu verhindern wäre, gelingt dies leider nur zu selten. Immer wieder finden sich auf zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Ebene die destruktiven Auswirkungen von Kränkung und Unversöhnlichkeit (gerade auch erfahrbar in der aktuellen politischen Auseinandersetzung?!).
In Schillers Drama ist nur die vorübergehende Aussöhnung der Brüder möglich, da sie durch ihre Liebe weicher wurden (bis die Täuschung ihre dramatische Wirkung entfaltet).

Der Ursprung des Hasses der Söhne, deren Konflikt das gesamte Königreich spalten könnte, erklärt sich mir am Beginn des Dramas zunächst noch nicht sehr deutlich.
Erst gegen Ende des Dramas wird die Ursache des brüderlichen Konflikts klar: Dona Isabella betrauert den Tod ihres „bessren Sohns“ Don Manuel. Ungleichbehandlung und Eifersucht – Nährboden jeden Geschwisterkonflikts. Auch der verstorbene Vater, der die Söhne „gewaltsam bändigte“ hatte wohl seinen Anteil an ihrem Zorn. Gewalt führt zu Gewalt.

Das Familiengeheimnis

Die destruktive Wirkung eines Familiengeheimnisses ist ein weiteres tragisches Element ins Schillers Stück. Die Existenz der Tochter musste von der Mutter verschwiegen werden. Und das nur wegen des Glaubens an eine Weissagung. Heute würde man vielleicht Aspekte eines Aberglaubens oder einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung darin finden. Zu spät erkennt Dona Isabella, dass niemand die Zukunft vorhersagen, sie aber mit unheilvollen Erwartungen und Prognosen manipulieren kann. Die Wirkung des Geheimnisses um die Tochter/ Schwester Beatrice ist fatal. Beide Brüder verlieben sich in sie, unwissend, dass es sich um ihre Schwester handelt („verbotenen Liebe“). Eifersucht und Hass entflammen schließlich, durch Unwissenheit und Täuschung verursacht, erneut und führen zu Mord und Selbstmord.
Und Beatrice? Kaum verlässt sie die schützenden oder einengenden Klostermauern und erlaubt sich Sinnlichkeit und Begehren, schon wird sie in „den Strudel dieses Hasses“ mit hinein gezogen.

Der Chor

Der Chor, ein außergewöhnliches dramaturgisches Element in Schillers Stück, hatte es schon früh angedeutet: „Ja, es hat nicht gut begonnen, glaubt mir, und es endet nicht gut“.

Im Drama repräsentiert er beide Seiten der Konfliktparteien. Er kommentiert und spricht aus, was die Figuren vielleicht dachten oder was sie motiviert und bewegt. Er bleibt aber nicht nur auf Distanz, sondern beteiligt sich aktiv am Geschehen. Für Schiller bringt er Ruhe in die Handlung und Leben in die Sprache, er soll Bindeglied zwischen dem Sinnlichen und dem Idealen sein. Ich habe es noch nicht gänzlich verstanden, aber ich bin sehr gespannt, ob und wie Wolfgang den Chor in unser Spiel integriert.

Das Stück enthält solch eine Fülle dramatischer Aspekte und Figuren, jede Einzelne könnte schon Hauptfigur eines eigenen Dramas werden. Hier zu reduzieren, sich auf wesentliche Aspekte zu konzentrieren und mit unseren Stilmitteln zu verfremden und zu verlangsamen wird eine spannende Arbeit werden, auf die ich mich sehr freue.

BLOG VIA E-MAIL ABONNIEREN

Gib deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren.

Invalid Email

Teile mit:

Hinterlassen Sie einen Kommentar