Fixpunkte und tönende Wesen in der Meeresströmung

Fixpunkte und tönende Wesen in der Meeresströmung

Von Sigrid Loose-Abendroth | 17 November 2017 | 0 Kommentare

Probentag Nr. 14 am 04.11.2017

Im Gespräch zu Beginn am Frühstückstisch hat mich am meisten beeindruckt und beschäftigt:
Ein Reinfinden in eine Figur gelingt nicht nur über die Vorstellung, welche Geschichte, welche Aufgaben und Besonderheiten sie hat, sondern auch ganz konkret über die Beantwortung der Fragen, in welchem Raum sie vor ihrem Auftritt war und was sie daraus mitbringen könnte (vielleicht war Leonce vorher noch im Bett in seinem Schlafgemach und er bringt seine Decke mit ? – oder Rosetta war vorher in ihrem Baudoir, hat sich geschminkt, sprüht sich noch mit Parfüm ein?) Welche Vorstellung spricht mich an und hilft mir diese Figur zu zeigen?

Gangarten und Meeresstrom

Dann das Thema Fixpunkte: Dies sind z.B. die besprochenen Gangarten und Wege der Figuren auf der Bühne, die Reihenfolge der Auftritte sowie die Art der Begegnungen der Figuren oder der Einsatz bestimmter Requisiten. Fixpunkte müssen eingehalten werden und dann kann auch um sie herum improvisiert werden. Während unserer Proben erarbeiten wir mit Wolfgang und Gianni diese Fixpunkte. Aber gleichzeitig wird jedes mal wieder hin gespürt, ob sie noch stimmig sind , oder evtl. wieder verändert werden müssen.
Fixpunkte sind für mich wie Inseln im Strom, an denen ich Halt finden kann. Ein Halt, nach dem ich im Probenprozess immer wieder gesucht habe. Jetzt lerne ich, dass es diese Haltepunkte gibt, sie aber immer wieder neu erfunden oder gestaltet werden. So stelle ich sie mir jetzt eben als schwimmende Inseln im Meer oder im Strom der Geschichte des Stückes vor.

Ganz passend taucht dann in der wunderbar entspannenden Übung die Metapher vom Meeresstrom wieder auf: wir sollen uns vorstellen, wie eine Meerespflanze von der Strömung bewegt zu werden. Alle vier als ein Organismus und dann jeder für sich und dabei Töne entstehen lassen. Ich fühle Ruhe, Bewegtwerden und Getragensein wie von seichten Meereswellen. Die Töne kommen dann wie von selbst; entspannt, harmonisch und klar.

Bühnenbild

Das nächste Highlight des Probentages hat dann Gianni geschaffen. Er gestaltete ein neues Bühnenbild mit besserer Aufteilung des Bühnenraums und exponierter Positionierung der Königskrone. Das schafft einen wunderbaren Rahmen für die Handlungen auf der Bühne. Auch die Requisiten bekommen einen guten Platz und der Um- oder Ankleidevorgang wird in den einzelnen Schritten erläutert. Das Ankleiden und das Übergeben der Requisiten muss langsam und rituell erfolgen. Das erlebe ich als ausgesprochen hilfreich. Ich kann den Wechsel meiner Kopfbedeckung von Hofmeisterin zur Gouvernante jetzt in angemessener Ruhe und Sicherheit vollziehen und auch das Ankleiden von König Peter gelingt besser. Ich bin glücklich und dankbar für diese Fixpunkte.

Sicherheit als Hofmeisterin

 

Im schwarzem Bühnenraum sitzt eine FRau mit hohem Hut und schaut nach links. Mit den Hängen macht sie abgewinkelte Gebärden.

Bei den Proben hat mich besonders beeindruckt:
Wieviel Lebendigkeit die Figur des Leonce gewonnen hat durch den Gelenktanz und Tanz auf dem Seil. Hierdurch „tanzt“ auch Peters Stimme, wird mal höher, mal tiefer, die Sprache fließt in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Schön und faszinierend das zu sehen und zu hören.
Die Interaktion von Valerio und Leonce, die mehr Tiefe und Wärme bekommt durch die unerschütterliche Munterkeit und spöttische Heiterkeit von Belgins Valerio.
Lena in ihrem neuen Kostüm mit schwarzen und weißen Elementen sieht so würdevoll und feierlich aus. Dass Doris im Hintergrund das Soufflieren übernimmt gibt Sicherheit.
Apropos Sicherheit: ich gewinne mehr Sicherheit als Hofmeisterin, verstehe mehr von dieser Person, habe ihre Gehweise verinnerlicht und fühle mich wohl damit. Als Gouvernante fällt mir der Kiefertic inzwischen leichter und ich habe große Freude daran, für Lena eine zugewandte und freundliche aber auch zurückhaltende Figur zu sein. Der Kiefertic der Gouvernante ist übrigens das Ergebnis dieser ständigen Zurückhaltung all ihrer Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse.

 

Im schwarzem Bühnenraum steht links eine Frau, gekleidet wie eine Braut mit einem kleinen Strauß in der Hand mit einem schwärmerischen blick. Hinten rechts sitzt eine Frau mit Hit und strengem Blick.

Dann noch wichtige und hilfreiche Hinweise von Wolfgang:

„Die Person, die im Bühnenhintergrund sitzt, muss wissen warum sie dort sitzt.“
„Ihr müsst eurer mitspielenden Figur genau zuhören, dann entstehen Mimik und Ausdruck wie von selbst.“

Was ich ganz persönlich an diesem Probentag erlebt und gelernt habe:

Zum ersten Mal habe ich nicht mehr so oft die Sorge, unterzugehen oder die Orientierung zu verlieren, vielmehr habe ich das Gefühl mich dem Gestaltungsprozess anvertrauen zu können. Dabei helfen mir die Orientierungs- und Fixpunkte. Sie sind wie Wegweiser, die wir von Wolfgang und Gianni auf dem Weg bekommen. Und auch ganz besonders das herzliche und wertschätzende Klima in unserer Gruppe, in der sich jeder unglaublich engagiert.
Mir gefällt das Bild der Meeresströmung: Der Prozess fließt. Ich merke, ich muss nicht wild um mich strampeln um nicht unter zu gehen. Sondern kann zu Atem kommen, orientiert bleiben, Ruhe bewahren, mich anvertrauen, eine Grundspannung halten ohne mich zu verspannen und auf die gelernten Techniken anwenden. Dann ist das Ziel erreichbar.

Schön, dabei zu sein !

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