FREI gespielt

FREI gespielt

Von Peter Schreck | 12 Dezember 2017 | 0 Kommentare

Dieser Blogpost springt etwas aus der Reihe. Ich werde mich nicht auf einen einzelnen Übungstag beziehen, sondern versuchen meine Erfahrungen und Stimmungen, der von mir als sehr dicht erlebten vergangenen 4 Übungstage, in einer Gesamtschau zur Anschauung, zur Verfügung zu stellen.

Rosetta Szene

Am Mittwoch (22.11) habe ich mit Belgin 2 Stunden die Rosetta Szene eingeübt. Wolfgang hat uns dabei begleitet und immer wieder dazu inspiriert spielerisch auszuprobieren was die Figuren von sich aus tun wollen. Am Anfang haben wir uns zunächst nur angeschaut, wie sich die beiden Figuren miteinander bewegen wollen. In einem weiteren Schritt haben wir Leonce und Rosetta dann mit Eigentext miteinander sprechen lassen und schließlich haben wir dann auch die Gebärden und den Rollentext hinzugenommen. Wir haben uns insgesamt sehr viel Zeit genommen, um die beiden Figuren in ihrer Interaktion miteinander zu erleben. So konnten wir sehen wie die Nähe, Vertrautheit und das Zulassen von beiden Seiten während des Koitustanzes immer größer wurde. Es wurde von Moment zu Moment unverschämter und vertrauter. Alles in allem war es eine sehr intime Stimmung, die wir alle als sehr stimmig erlebt haben.

Monolog von Leonce

Im Anschluss an die Rosetta Szene haben wir dann den Monolog von Leonce geprobt. Auf einmal hatte ich eine Taschenlampe in der Hand, weil Gianni den (genialen) Einfall hatte, dass Leonce nachdem sich Rosetta nun aus seinem Leben zurückgezogen hat, seinen Monolog in großer Dunkelheit halten könnte, mit der Taschenlampe unter dem Kinn, als einzige Lichtquelle. Zu bemerken, dass der Rollentext im Anschluss an den Monolog wunderbar zum Einsatz der Taschenlampe passt hat uns dann alle sehr erfreut. Nach dem Monolog ruft Valerio nämlich überraschend aus der Dunkelheit: „Leonce Du wirst ja zu einem richtigen Narr“ und Leonce antwortet darauf: „Beim Licht besehen kommt es mir eigentlich ebenso vor.“

Im dunkeln Bühnenraum ist das Gesicht des Leonce mit dem Lorbeerkranz nur vom bläulichen Licht einer Taschenlampe zu sehen.

Das Feedback vom Publikum war, dass meine Mimik, meine Gesichtsmasken sehr abwechslungsreich waren. Ich habe auch bemerkt, dass ich in einen richtigen Flow gekommen bin und das Gefühl hatte, dass ES mich spielt und ich selber zum Beobachter meines inneren autonomen Spielers wurde. Das war sehr schön zu erleben.

Dass die Mimik für mich tatsächlich der Schlüssel zur Befreiung meines eigentlichen Wesens ist, durfte ich dann an den drei aufeinanderfolgenden Übungstagen (1./2./3.12) in der darauffolgenden Woche erleben.

Während ich am Freitag, als wir uns mit Szene 1 und 2 beschäftigt haben, überhaupt nicht in die Figur des Leonce hineingefunden habe und bemerken konnte wie zum einen Ärger in mir darüber aufstieg, dass es mir nicht gelang zum Leonce zu werden und zum anderen auch Ärger darüber aufstieg, dass Wolfgang und auch das Publikum von mir erwartete, dass es mir gelingt. Ich fand das alles sehr seltsam. Warum konnte ich mich darüber ärgern, dass jemand von mir erwartet, dass ich die Figur des Leonce auf der Bühne verkörpere. Dafür stand ich ja nun mal schließlich auf der Bühne. Aber genau diese Beobachtungen bewusst wahrzunehmen, zu akzeptieren und zu erforschen sind meines aktuellen Verständnisses nach Teil des mittleren Weges, des initiatischen Weges, des Weges der den inneren und den äußeren Menschen miteinander verbindet, in Einklang bringt.

Leonce mit seinen Lippen

So kam es dann auch dazu, dass ich am folgenden Tag, am Samstag, nachdem ich gut ausgeschlafen und viel Zeit hatte zu reflektieren, was am Vortag dazu beigetragen hatte, dass ich nicht in die Figur fand, nun ganz bewusst all das tun konnte. Diesmal achtete ich darauf, dass ich alle Requisiten von Leonce trug (am Vortag hatte ich die Perücke und den Lorbeerkranz nicht aufgesetzt). Diesmal war uns allen bewusst, dass es einen riesen Unterschied macht, ob das helle Raumlicht an ist oder nur die Lichtspots, die den Spieler auf der Bühne ausleuchten (Am Vortag hatten wir im hellen Raumlicht geprobt). Und zu guter Letzt legte ich einen Großteil meiner Aufmerksamkeit in meine Mimik und speziell in meine Lippen. Das hatte eine ungeheuer befreiende und unterstützende Auswirkung auf das Hineinfinden in die Figur. Ich hatte es geschafft. Ich war voll drin in ihr. Ich stellte mir vor wie Leonce mit seinen Lippen, wie ein Fisch durchs Wasser schwamm und dabei Luftblasen produzierte, und dann stellte ich mir vor, wie Leonce dicke Zigarren rauchte und mit seinem Mund Rauchkringel ausstieß. Die ganze Zeit hatte Leonce eine Beschäftigung und damit hatte die Privatpersönlichkeit des Schauspielers Peter keine Chance dazwischenzufunken. Eine herrliche Erfahrung für mich als Schauspieler, die sich auch im Publikum bemerkbar machte, wie sich dann in der Nachbesprechung zeigen sollte. Am dritten aufeinanderfolgenden Übungstag, am Sonntag, war Leonce dann sehr, sehr müde und der Schauspieler Peter war selber noch ganz überrascht von seiner Präsenz–Leistung am Vortag. Er kam nicht wirklich in die Gänge und verbreitete zu viel der langen Weile. Nun gut, da war dann immer noch das Wissen darüber, dass es auch anders geht. Und die Vorfreude auf einen der nächsten Ensemble-Arbeitstage und natürlich die offene Probe am 10. Dezember, sorgten dafür, dass die große Enttäuschung ausblieb.

Ich bin Schauspieler

Zum Abschluss dieses mehrere Übungstage zusammenfassenden Berichtes nun noch eine sehr persönliche Notiz, die ich mir gerne in 5 oder 10 Jahren noch einmal durchlesen will. Wer ich dann wohl bin? Ein Schauspieler vielleicht, oder nicht. Ein Drittes gibt es nicht. Oder vielleicht doch? Ich erlebe, dass ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis immer öfters erzähle, dass es mir Freude bereitet zu sagen „Ich bin Schauspieler“. Und dass dies neu für mich ist. Freude dabei zu empfinden, wenn ich über meine (berufliche /Berufungs-) Identität spreche. Meine bisherigen Antworten auf die allerorts gern gestellte Frage „Und was machst Du?“ haben mich selber immer zweifeln lassen, ob es wirklich stimmt was ich da antworte. Ich bin Markenberater. Ich bin Coach. Hhhmmm. Hoffentlich bemerken die Fragenden nicht, dass ich mir selber nicht sicher bin, ob ich das bin oder vielleicht doch ein anderer. „Das macht mir Angst, das ängstigt mich.“ würde König Peter nun im Nachsatz sagen. Ja, es macht mir einfach Spaß zu sagen „Ich bin Schauspieler.“ Und ich spüre, dass ich daran gar keine Erwartungen knüpfe. Es mir egal ist, ob die Anderen mir das abnehmen oder nicht. Es scheint mir einfach zu stimmen. Auch, wenn ich überhaupt noch nicht weiß, was dass für meinen weiteren Lebensweg zu bedeuten hat. Und auch das fühlt sich gut und stimmig an. So will ich es jeden Tag aufs Neue mit Anfangsherz bezeugen. Ich bin Schauspieler. Und mich daran erfreuen, wie dieses Mantra mein Leben zu gestalten vermag. Mit in meinen Koffer auf diesen Weg nehme ich diese 3 Zitate von Zeami Motokiyo (jap. * 1363; † 1443), laut Wikipedia einer wichtigen Person des japanischen Nō-Theaters, die für mich wunderbar zusammenfassend zum Ausdruck bringen, welchen essentiellen Wahrheiten ich während der vergangenen 4 Übungstage begegnen durfte:

„Die gute Kenntnis der vergangenen Fehler ist die Grundlage für das folgende Gute.“

„Die Blüte ist das Herz, der Same ist das technische Können.“

„Vergiss nie dein Anfangsherz, sonst kehrst du zum Anfang zurück.“

 

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