Mein erster Theaterworkshop - Urgefühle erlebt - TheaterLabor Traumgesicht

Mein erster Theaterworkshop – Urgefühle erlebt

Mein erster Theaterworkshop – Urgefühle erlebt

Von Tobias Wester | 19 Juni 2018 | 0 Kommentare
Gruppe beim Schauspielunterricht im Theater Labor

Sei wieder ein 4-jähriges Kind!

Dieser Theaterworkshop war meine erste Erfahrung als Teilnehmer des TheaterLabor TraumGesicht, bei dem ich mich ehrenamtlich in der Verwaltung engagiere. Als Teilnehmer jedoch befasste ich mich nun endlich mit der Praxis, die ich nur in der Theorie vom Schreibtisch aus kennenlernte.

Der Tanz beginnt…

Der Workshop begann morgens um 10.00 Uhr. Wolfgang ließ während des Workshops die Bemerkung fallen, dass er eigentlich keine Pausen bräuchte, umso schneller waren wir mitten im Geschehen. Die Übungen begannen unmittelbar, der Gelenktanz stand als erstes auf der Tagesordnung. Hier wurde die Körperwahrnehmung geschult – wir sollten unsere Gelenke bewusst erspüren und dabei unsere ganz eigene Gangart entwickeln.

Nach einigen weiteren Stimmübungen ging es dann endlich in den Bühnenraum.

Ein junger Mann mit Vollbart, schwarz gekleidet, sitzt an der Wand lehnend auf der Bühne und hält sich mit der rechten Hand den Unterschenkel. Dieser schwebt dadurch ein paar Zentimeter über dem Boden. Der junge Mann hat die Augen geschlossen und lächelt theatralisch.Ich bin wieder Kind.

Als ich auf dem schwarzen, leeren Boden der Bühne saß, nur die Augen der Scheinwerfer auf mich gerichtet, wusste ich erst nicht, was ich tun sollte. Einzige Vorgabe von Wolfgang: sei ein vierjähriges Kind!

Ich hatte nichts. Keine Requisiten, keinen Text – alles reine Improvisation. Die anderen Teilnehmer schauten mir aus der Finsternis des Zuschauerraums zu. Gianni saß am Technikpult und bediente Licht und Musik. Wolfgang setzte sich in einiger Entfernung seitlich von mir auf die Bühne. Er thronte auf einem Stuhl, ich lehnte sitzend an der Bühnenwand.

Der Erfolg der Langsamkeit.

Nach sekundenlangem zögern ließ ich den Moment fließen. Alles wurde auf einmal ganz langsam. Ich blendete meine Umgebung vollständig aus. Kein Wolfgang, kein Gianni, keine Teilnehmer mehr. Ich war jetzt das Kind. Eine Person, die ich schon einmal gewesen war – vor ungefähr 30 Jahren. Als Kind ließ ich vor allem meine Fantasie spielen. Was konnte ich, so ganz alleine, verlassen von der Mutter, von Finsternis umgeben, tun?

Ein junger Mann, schwarz gekleidet und mit offenem Mund schaut mit weit aufgerissenen Augen zur Seite.Ich befühlte meine Umgebung, den glatten Boden der Bühne, mein kleines Beinchen, meine Söckchen. Ich griff in den Bund meiner Söckchen, zog daran, nahm das Raue des Stoffs wahr und war begeistert von dem zurückschnellen des Gummizugs. Danach wollte ich etwas an meiner Position verändern – wie wäre es mal an meinem linken Beinchen zu ziehen. Mal schauen, wie weit ich dieses Beinchen rüber ziehen kann auf mein rechtes Beinchen. Schaffe ich es vielleicht dieses Beinchen komplett auf mein anderes Beinchen zu legen. Dabei verzog ich meine Miene. Ich durchlebte eine Emotion nach der anderen, unwillkürlich und in schneller Folge. Wut, Trauer, Verunsicherung und Schmerz. Vor allen Dingen Schmerz, den mein eines Beinchen blieb nicht auf dem anderen Beinchen liegen. Plötzlich fiel es herunter, klatschte auf den harten Boden und es tat weh, dieses Beinchen. Mein Knöchel brannte und niemand war da, der mich trösten konnte.

Emotionen transformieren.

Meine Mama, weit weg, irgendwo, aber nicht bei mir. Ich kreischte, wollte das meine Mama bei mir ist, aber nichts… Zum Schluss rutschte ich von der Wand weg. Auf meinem Hosenboden wollte ich die Welt erkunden, jedoch war die Zeit abgelaufen.

Der kleine Wecker von Wolfgang klingelte – die Szene war zu Ende. Wie schade, dachte ich danach. Gerne hätte ich dieses Kind in mir noch weiter erforscht bzw. erforschen lassen, experimentieren mit meinen kindlichen Gefühlen, hätte es gerne mit der Leere interagieren lassen. Doch die Wirklichkeit holte mich ein. Das Feedback meiner Workshopkollegen war einhellig gut. Wie authentisch ich doch gewesen sei, wie frei von meiner heutigen, erwachsenen Persönlichkeit. Besonders wurde meine Mimik gelobt. Ich selbst verstand gar nicht, dass ich so gut gewesen seien soll. Ich war doch einfach nur dieses Kind. Dieses Kind auf der Bühne, dass ich spielen sollte.

Meine Mama soll mich trösten.

Zwei junge Männer, beide schwarz gekleidet, stehen auf der Bühne. Der eine hat seinen Arm auf die Schulter des anderen gelegt. Seine andere Hand liegt auf der anderen Schulter. Der zweite junge Mann steht etwas gebückt in Demutshaltung, geschlossenen Augen und gefalteten Händen direkt daneben.Dieser Erfahrung vorangehend, spielte ich zusammen mit einem Teilnehmer eine Szene, in dem ich das Kind und er die Mutter darstellte. Ich sollte traurig sein und sie sollte mich trösten. Mein Kollege, den ich in Wirklichkeit sehr ins Herz geschlossen hatte und der zufällig (oder nicht) den gleichen Vornamen wie mein Vater hatte, nahm mich in seine Arme und ich ließ mich fallen.

Seine Statur war der meinen gegenüber eher klein und schmächtig. Ich hingegen als deutlich stattlicherer Typ bekam Schwierigkeiten mich in seinen Armen zurecht zu finden. Zu wenig Platz an seiner Brust, zu wenig Platz in seinen kurzen Armen. Ich bemerkte jedoch, dass er sich anstrengte. Er streichelte mir über den Kopf und versuchte mich zu beruhigen. Es sei doch alles gut, wiederholte er ständig. Er zog mich fester an sich, ich ließ mich weiter fallen, nahm seinen mir fremden Geruch wahr, seine Zärtlichkeit und schließlich beruhigte ich mich. Er konnte von mir ablassen und ich tat dasselbe. Ich rieb mir die Augen zum Abschluss und die Szene war vorüber.

Was mich an dieser Erfahrung so fasziniert war die Unmittelbarkeit, die Präsenz meiner Schauspielmutter. Ich ließ mich fallen, wusste, dass alles nur ein Spiel, ein Schau-Spiel war, nahm jedoch sehr deutlich ganz reale Umstände des Seins meines Gegenübers wahr: seine Wärme, sein Geruch, seine Stimme, seine Berührungen – und das alles von jemandem, den ich erst einige Stunden kannte. Und es war okay, denn ich hatte immer noch mich selbst und den Gedanken, dass ich hier eine Rolle spielte.

Sei ängstlich hier im Theaterworkshop!

Eine weitere Übung während des Workshops war es, auf der Bühne eine Emotion darzustellen. Sei ängstlich! Freue dich! -Ich sollte ängstlich sein.

Fünf Workshopteilnehmer, alle schwarz gekleidet, stehen auf der Bühne in unterschiedlichen Posen.Es waren mehrere Mitspieler auf der Bühne. Wir sollten alle eine andere Emotion darstellen. Dann begann ich: Ich verzog mein Gesicht, bückte mich, fixierte meinen Blick auf die Dunkelheit vor mir und hatte Angst! Mehr noch, die Angst stieg in mir hoch und wurde immer stärker. Alles um mich herum wurde unwichtig, nur die Angst stand im Mittelpunkt. Die Angst vor etwas Unbekanntem, etwas nicht Fassbarem. Ich ging in die Hocke, wollte schnell weg, am liebsten gar nicht mehr existent sein. Immer kleiner und kleiner werdend, stieß ich Laute aus, ein Wimmern, ein Stöhnen – keine Worte, sondern nur Laute. Das Ganze steigerte sich so sehr, dass ich froh war, als die Übung zu Ende war. Am Schluss hatte ich keine Angst mehr, ich WAR die Angst und das ist nun wirklich kein angenehmer Zustand.

Zwischendurch machten wir natürlich ein paar kürzere Pausen und eine längere Mittagspause, zu der jeder kulinarisch etwas beisteuerte, sodass wir alle gut zu essen hatten. Die Zeit verging wie im Fluge bis es 16.00 Uhr war. Besonders möchte ich noch anmerken, dass Wolfgang viel Wert auf stete Reflexion legte. Nach jeder Übung, aber auch allgemeine Feedbackrunden und natürlich am Ende eines jeden Tages eine Abschlußrunde hielt uns immer vor Augen, welchen Eindruck wir auf die anderen machten.

Ich lernte viele liebe Menschen kennen. Wir waren wirklich eine tolle Truppe, in der es mir nicht schwer viel, innere Widerstände zu lösen und so zu sein, wie ich bin.

Ich freue mich schon auf den nächsten Workshop, bei dem ich auf jeden Fall dabei sein werde!

Zwei junge Männer, beide schwar gekleidet, stehen auf der Bühne sich gegenüber. Der eine in der Hocke, beide Hände seitlich am Kopf mit angsterfülltem Ausdruck vor dem anderen. Der, der steht, hält seinen Arm hoch in Richtung des anderen als wenn er ihn noch weiter runter drücken möchte.

 

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