„Ich bin noch Jungfrau“ – im Blog-Schreiben!

„Ich bin noch Jungfrau“ – im Blog-Schreiben!

Von Belgin Akbaba | 09 Oktober 2017 | 0 Kommentare

 

„Keine Schwiele schändet meine Fingerkuppen und die Tastatur hat noch keinen Tropfen Schweiß von meiner Stürn … äh Stirn getrunken.“ Ein kleines Schmankerl vorab!

Und weiter im Text … Wie gewohnt versammelten wir uns an diesem Mittwoch Abend um den mit allerlei Leckereien, wie dem von Wolfgang mit Liebe zubereiteten Honig-Minze-Joghurt, gedeckten Ensemble-Tisch. Der frisch aufgebrühte Tee darf nicht fehlen. Eben ritualisiert.

Gianni eröffnete die Runde mit dem Hinweis, dass das Schminken seiner Masken ja mindestens eine Stunde pro Figur in Anspruch nimmt, summa summarum vier Stunden. Um Zeit zu sparen, werden wir, Doris, Sigrid, Peter und ich, Gianni zur Hand gehen. Kleiner Nebeneffekt: Wir lernen die Arbeit „hinter den Kulissen“ kennen. Hierzu werden wir an zwei festgelegten Ensemble-Terminen vom Meister höchstpersönlich in die Masken-Kunst eingewiesen. Dabei wird uns Marc Dauenhauer mit seiner Kamera begleiten und Videomaterial für das Making-of auffangen, das im Rahmen der Verleihung des Förderpreises 2017 des Heinrich-Heine-Kreis am 6. Dezember 2017 unser Ensemble-Projekt „Leonce und Lena“ präsentieren wird.

Anschließend schlug Wolfgang vor, der „Figur mit dem Bauchladen“ (Sigrid) den Namen „Kôken“ zu geben. Ein Begriff aus dem traditionellen japanischen Nô-Theater, der eine Art Spielaufseher bezeichnet. Ein „Kôken“ fungiert als Bühnenassistent, der dafür sorgt, dass Masken und Kostüme der Spieler richtig sitzen und ggbfs. hier und da wieder ins rechte Licht rückt.

Die Rückmeldungen zu den Übungseinheiten wie der Hara-Bauch-Atmung vom letzten Treffen waren einstimmig positiv. Doris empfand ihre Darstellung einer heiteren Lena, die im starken Kontrast zum schweren, todes-sehnsüchtigen Text (1. Akt / 4. Szene) steht, verständlicherweise als noch gewöhnungsbedürftig. An dieser Stelle klingen Wolfgangs Worte in meinen Ohren, „sich Zeit geben“, um sich hineinzufühlen. Sehr treffend beschrieb Sigrid diese von Doris gezeichnete Lena als „champagner-seelig“. Köstlich, das Bild von der Prinzessin Lena im Garten mit einem Glas Champagner in der Hand, beschwipst … sie spricht: „… und der Priester hebt schon das Messer.“

Neben der Spielfreude ist der Schaffensweg bis zum fertigen Bühnenwerk natürlich mit viel Arbeit, Konzentration, Üben und (sich) ausprobieren verbunden und es gelingt nicht immer alles auf Anhieb. So äußerte sich Peter mit dem Wunsch, „mal wieder ein Erfolgserlebnis haben zu wollen“.

Textarbeit – „Jeder Satz will erforscht, verstanden werden.“

In der Textarbeit geht es darum, den Verstand einzusetzen. Wolfgang betonte aus- und eindrücklich, dass wir uns den Dichtertext einverleiben, uns zu eigen machen müssen / dürfen. Dies geschieht über das Extemporieren, also „aus dem Augenblick“ mit „Füllseln“ (Eigentext) arbeiten. Wir dürfen nicht „wirken wollen“, die „Freude an der Technik und am Werden“ haben und zulassen. Damit die „Angst vor dem Text weggeht“, müssen wir ihn mehrmals wiederholen und verstehen, bevor er auswendig gelernt wird, „den Text schmecken“ und nicht weitergehen, bevor das Gesprochene nicht in den  „Gehirnwindungen“ angekommen ist. Es ist ein kostbares Schauspiel für sich, Wolfgang zuzuhören und ihn dabei zu erleben, mit welch einer Leidenschaft und Inbrunst er sich in Ekstase redet. Mantra-mäßig wow! Am Ende brachte Wolfgang seine Hymne auf den Punkt: Das Wissen, worum es in der Szene geht, das WO und WAS färbt die Stimme und hebt uns in die „Mehrdimensionalität“.

Im dunklen Bühnenraum sitzen ein Mann und drei Frauen mit Textbüchern in der Hand. Zwei sitzen links auf einem blau-weißen Sofa und zwei rechts auf Stühlen.

Das Ensemble bei Stimmübungen auf der Probebühne

Übungseinheiten auf der Probebühne – „loslassen und abgeben“

  1. Abklopfen des Rückens mit den Handkanten: Der/die „Beklopfte“ tönte währenddessen mit weit geöffnetem Mund den Vokal „A“. Dort, wo das „Aaa“ unsauber klang, konnten wir blockierte Stellen lokalisieren. Durch das Klopfen am Rücken entlang werden Faszien gelockert und stimuliert.
  2. Führen und führen lassen, loslassen und abgeben: In dieser Partnerübung (Doris / Sigrid) und (Peter / Ich) sollte Person A sich hinsetzen, Arme und Hände locker neben sich oder auf dem Schoß abgelegt, und die Kontrolle über den zunächst rechten Arm der Person B überlassen. B sollte den Arm von A langsam anheben und spüren, ob A „Widerstand leistet“. In diesem Fall wurde der Arm wieder abgelegt. B sollte dabei behutsam und verlangsamt verschiedene Bewegungen mit dem besagten Körperteil von A ausführen. Es herrschte eine stille Konzentriertheit im Raum. Nach einer Weile wurde der willenlose Arm von A wieder abgelegt und A hatte die Möglichkeit nachzuspüren, wie sich sein Arm anfühlt, so ganz ohne sein Zutun bewegt zu werden: Der Arm fühlte sich schwerer oder leichter an. Diese Übung führten wir im Wechsel mit dem linken Arm und dem Kopf fort.
  3. Sprachgestaltung mit Hilfe der Bauchatmung: Zunächst tönten wir abwechselnd mehrmals hintereinander den Vokal „U“. Unterstützend sollten wir einen Punkt im Raum fixieren und das „U“ in diese Richtung leiten und dabei die Stimme heben und senken. Nach den vielen „Uuuus“ kam unser Freund „Brutus“ (Der Kleine Hey, S. 33) ins Spiel. Die Aufgabe bestand darin, unter Einhaltung der Technik der Bauchatmung, die Verse zusammenhängend, also Sinn ergebend zu sprechen, um an den richtigen Stellen die Atempausen zu setzen. Im nächsten Schritt sollten wir „Brutus Geschichte“ spannender gestalten und den Anderen erzählen, mit jeder Wiederholung andere Akzente setzen, durch Heben und Senken der Stimme die Betonungen variieren. Spannend, Sprache zu gestalten!

Die Geburt des Leonce (Peter) 

Es begann in einem dunklen Raum, Leonce allein auf einem Canapé in seinem Privatgemach, ein kleiner Lichtschein auf ihn gerichtet… Er hatte zuvor Schluss gemacht mit der schönen Rosetta und in dieser Stimmung erzählte er uns (Publikum), wie das Treffen mit ihr war. Wolfgang warf ein, dass Peter die Stimme spielen lassen solle, heben und senken, laut und leise. Nach und nach färbte die Stimmung Peters Sprache und Stimme ein. So ließ Wolfgang Peter ein wenig weiter erzählen…. Bis er den Rollentext (Monolog) einsetzte. Zunächst noch unsicher kamen die Worte nicht wirklich geschmeckt aus seinem Mund. Es ist erstaunlich, wie Wolfgang in solchen Momenten erkennt, welche Unterstützung er, in diesem Fall Peter, geben kann, um die Stimme, die da ist, rauszulocken. Bei der Frage, welche Bilder Peter sieht, wenn er Büchners Text spricht, war seine Fantasie, sein Vorstellungsvermögen gefragt und angeregt. Das Bebildern der gesprochenen Sätze wie „Warum ist der Dunst über unserer Erde ein Prisma, …?“ oder „Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen usw. …“ brachte die Leichtigkeit in Leonce Stimme. Durch die Hinweise (Zurufe), das Hinterfragen von Wolfgang gelang es Peter, „ins Gefühl zu kommen“, „warm zu werden mit dem Rollentext“.  Mit jeder Wiederholung füllten sich die Sätze, Stimme und Mimik tanzten miteinander. Es war unheimlich energetisch zwischen Regisseur und Schauspieler, die Funken sprühten – ein spektakulärer Prozess des Werdens! … und „das Ungeborene konnte gebären“… mit Wolfgang als Geburtshelfer ;D.

Na, wenn das nicht ein Erfolgserlebnis ist!!!

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