Vom Mut erotisch zu tanzen bis zur Tanzwut

Vom Mut erotisch zu tanzen bis zur Tanzwut

Von Peter Schreck | 22 November 2017 | 0 Kommentare

Im schwarzen Bühnenraum tanzen ein Mann und eine Frau.Am heutigen Ensembletag habe ich eine Dreiviertelstunde mit Belgin zusammen den „Koitustanz“ für die Rosetta-Szene einstudiert. Für jede einzelne Sequenz des Tanzes sollten wir immer laut zählen. Die Idee dahinter ist, dass es ein eingeübter, rationaler Akt wird und wir so zunehmend die Berührungsängste hinter uns lassen können. Das war mal eine ganz neue Erfahrung. Einfach zu zweit, alleine, ganz ohne Regie und Publikum, eigene Ideen zu entwickeln, sie sofort ausprobieren und so schnell herausfinden was gut funktioniert und was eher nicht. Wir hatten richtig viel Spaß und haben während dieser zum Teil schwindelerzeugenden Drehbewegungen auch köstlich gelacht. Auf der Rückfahrt ging mir im Auto dann immer wieder die Anekdote durch den Kopf, die Belgin mir am Rande der Tanzproben aufgetischt hat. Was zur Folge hatte, dass ich alleine im Auto fahrend laut loslachen musste. Hätte mich jemand so gesehen, so hätte er mich wohl für einen Narren gehalten. „Ja, ein Narr zu sein, da wäre man doch wenigstens etwas“ würde Valerio wohl dazu sagen.

Während Belgin und ich im schwarzen Bühnenraum geprobt haben waren Lena (Doris) und die Gouvernante (Sigrid) im anderen Raum damit beschäftigt ihre gemeinsame Szene mit zuvor zufällig ausgewählten Gebärden durchzuspielen. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wenn wir uns dann beim nächsten Übungstag gegenseitig zeigen was wir da jeweils erarbeitet haben.

Überall kleine Flammen

Dann haben wir noch einmal den Übergang, die Verwandlung von Leonce in König Peter durchgespielt. Auch König Peter hat durch das Schicksalslos eine neue Gebärde zugeteilt bekommen. Die Gebärdenanleitung lautete: „Zucke mit dem ganzen Körper so, als überall kleine Flammen züngeln würden, die sich langsam zu einem Waldbrand ausbreiten und dann zu einer heiligen Flamme werden.“

Am Anfang war es gar nicht so leicht hineinzukommen in diese Zuckungen. Der Hinweis von Wolfgang, dass ich die Kontrolle komplett abgeben solle, und mich den Zuckungen wie beim Veitstanz* überlassen solle, inspirierte mich und machte mich zunehmend mutiger, voll in den Ausdruck zu gehen. Was nicht ohne Folgen blieb. Ich gewann zunehmend Freude daran, immer unkontrollierter herumzuzappeln und mich mal in die eine, mal in die andere Richtung zuckend ziehen zu lassen.

Im schwarzen Bühnenraum tanzt ein Mann mit einer goldenen Krone einen Veitstanz

König Peter wurde so auch äußerlich zu einer immer skurrileren Person, was natürlich wunderbar zu dem sowieso schon sehr skurrilen Text passt und einen prima Gegenakzent zu den quadratischen Runden der Hofdame setzt, die in dieser Szene wie ein verlässliches Uhrwerk den König immer wieder umrundet. Die Quadratur des Kreises lässt grüßen.

Es war wieder einmal ein sehr konzentrierter und humorvoller Ensemble-Arbeitstag mit tollen Überraschungen und neuen Einsichten, sprudelte es freudig in der Abschlussrunde aus mir heraus. Der König Peter erinnerte mich so zuckend an den absurden amerikanischen Präsidenten oder fiel es jemand anderem ein? Sollten wir König Peter nicht mit blonder Perücke und stars and stripes Flagge zeigen war auf einmal als Idee im Raum, die aber sogleich mit einem lauten Lachen wieder zu Grabe getragen wurde.

*Veitstanz, bei Wikipedia unter dem Begriff Tanzwut zu finden. „Der Ausdruck Tanzwut (lateinisch Epilepsia saltatoria), auch Tanzkrankheit, Tanzsucht, Tanzplage oder Choreomania genannt, bezeichnet eine insbesondere im 14. und 15. Jahrhundert aufgetretene epidemische Erscheinung, die als psychogenes und massenhysterisches Phänomen beschrieben worden ist. … Ursprünglich war die Tanzwut als Veitstanz bekannt, welcher jedoch (als „großer Veitstanz“ bzw. „Chorea major“) auch Symptome der erblichen Krankheit Chorea Huntington bezeichnete.“

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