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Horizont – Aufführung

Horizont – Aufführung

Von Gabriela Dierkes | 10 Juli 2019 |

Ja, ich war dabei. Und das war gut. Ich bin fasziniert. Sprachlos, etwas ergriffen. Und muss denken. Ich erinnere mich an Star Trek. Als einige Menschen, die es wert sind, aufsteigen. Die sich zu etwas Höherem berufen fühlen. So kam mir auch Hisashi vor. Er sucht den Horizont, um immer höher zu steigen. Unter dem Publikum finde ich Belgin und Peter. Schön, dass sie gekommen sind. Das hat mich sehr gefreut.

Das Licht geht aus

Das Publikum sitzt. Es gibt noch etwas Gemurmel. Wolfgang und Gianni kündigen das Stück an. Dinah als Naoko, die Wirtin. Christian als Hisashi. Vorgestellt wird noch Friedrich Gneiss der Dinah und Christian mit Katas aus dem Karate unterstützt hat.

Rosei steht vorne links auf dem Bühnensteg. Sie zeigt eine schalenartige Gebärde mit geschlossenen Augen.

Das Licht geht aus. Die Besucher werden allmählich ruhiger. Die Spannung steigt. Und ich höre Dinahs wunderschöne Stimme. Sie betritt den Bühnensteg. Doch was sehe ich da? Sie hat eine Augenbinde. Kann also nichts mehr sehen. Und sie geht. Langsam, Schritt für Schritt tastet sie sich mit ihren Füßen, die über den Boden gleiten, nach vorne. Eine Gebärde, eine Hand fasst den anderen Ellenbogen, der Arm geht angewinkelt nach oben, dann im Wechsel der andere Arm. Sie singt dabei.

Ich bin die Wirtin Naoko. Vor vielen Jahren hatte ich einen Gast. Er konnte seine Rechnung nicht bezahlen. Und als Ersatz gab er mir ein wundersames Kissen. Derjenige, der darauf schläft, wird wundersame Dinge erleben.

Dinah ist auf der Bühne angekommen. Ich kann es nicht glauben. Sie gleitet blind über die Bühne. In einem zauberhaftem schweren japanischen Kimono. Naoko geht nach rechts. Auf das Podest. Langsam tastet sie sich ans Podest. Vorsichtig einen Fuß darauf. Dann den nächsten nachziehend und sie steht auf dem Podest. (Ich wäre vor Angst gestorben. Nichts sehen ist mir unheimlich). Auf dem Podest ist ein großes schwarzes Kissen. Naoko kniet sich darauf und singt weiter. Wunderbar.

Hisashi auf seinem Weg ins ungewisse. Er trägt einen blauen Kimono und eine dunkelblaue Hakama - japansiche Kulthose.

Der Horizont ist weit

Der Lichtstrahl geht Richtung Bühnensteg. Ich höre ein lautes Krachen. Was ist das? Es ist Christian als Hisashi. Mit diesen viereckigen roten Holzschuhen. Die Füße werden gehalten, wie bei diesen Badelatschen. Der große Zeh durch ein Band von den anderen Zehen getrennt. Ich merke Christian an, dass er Lampenfieber hat. Es ist für ihn eine Premiere. Das erste Mal vor Publikum und dann gleich so eine schwierige, spannende Rolle. Doch das Aufgeregt sein passt zu Hisashi, er will den Horizont finden. Dort soll ein alter Mann leben, der Hisashi weiterbringt. Auch Christian hat die gleiche Gebärde wie Dinah. Hisashi läuft mit den schweren Holzschuhen über den Bühnensteg. Mit einem grauen Kimono. Und dieser schwarzen Hose, wo ein Hosenbein breit und das andere schmal ist. Vorsichtig hebt er ein Bein, um die Bühne zu betreten. Hisashi mit einer wunderbaren tiefen Stimme. Auch er singt.

Ich bin Hisashi, ich suche den Horizont. Von weither bin ich gekommen. Über Berge und durch Wälder gelaufen. Und ich suche immer noch. Nun bin ich am Wirtshaus angekommen. Will mich etwas ausruhen. Vielleicht kann mir dort jemand sagen, wo der Horizont mit dem alten Mann ist.

Naoko hört etwas. Lauscht, hält ihr Ohr in die Richtung, wo die Stimme herkommt. Sie ist ja blind, doch ihr Gehörsinn ist gut.

Hallo, ist dort jemand. Wer ist denn da?

Hisashi sagt seinen Namen. Und er ist müde. Möchte nur schlafen. Und wissen, wo der Horizont ist. Der Horizont, Naoko lacht, der Horizont ist weit. Und sie erzählt Hisashi von dem Gast mit dem Kissen. Und fragt, ob er darauf schlafen möchte. Denn es geschehen ja wundersame Dinge. Hisashi ist natürlich begeistert und stimmt zu. Er will einfach nur schlafen. Naoko geht lachend über die Bühne, vorsichtig mit ihren Füßen tastend. Und sagt zu Hisashi. Hisashi, ich werde eine Schale Reis kochen.

Hisashi steht links. Er trägt eine Krone. Mit fraglichem Gesichtsausdruck hört er Rosei zu. Die steht auf der Bühne seitlich hinter ihm und spricht zu ihm

Hisashi, du wirst ein König werden

Hisashi hat sich mittlerweile auf das linke Podest gesetzt. Nein, nicht gesetzt. Er ist in der Hocke, die Beine weit auseinander. Wahnsinn, wie er das schafft. Es sieht so aus, wie bei den dicken japanischen Sumokämpfern, die bei Beginn des Kampfes auch so in der Hocke stehen.

Das Licht wird gedämmt, das heißt, dass beide Schauspieler innehalten müssen. So, als wenn die Zeit stehen geblieben ist. Wunderbar. Eine knisternde Stille im Raum. Alle sind gebannt. Glaube ich jedenfalls. Ich bin es. Weil es für mich faszinierend ist, wie diese Starre eingehalten werden kann. Hisashi setzt sich. Der Oberkörper leicht nach vorne gebeugt. Die Augen geschlossen. Mit Lichtertechnik wird ein Sternenhimmel erzeugt. Und Hisashi träumt. Das wundersame Kissen wirkt.

Dinah hat sich in der Zwischenzeit verwandelt. Zu einer Sprecherin, die zu Hisashi im Traum spricht. Einen durchsichtigen grünen Kimono über ihren Kimono gezogen. Die Augenbinde ist nun abgenommen. Sie kann sehen. Eine dunkelbraune Kappe auf dem Kopf. Und immer wieder spricht sie mal hoch, mal tief, mal kichernd, mal ernst. Das kann sie so gut. Ihre Stimme verändern. Die Stimme spricht zu Hisashi.

Hisashi, du wirst ein König werden. Die Stimme setzt Hisashi eine goldene Krone auf den Kopf. Hisashi, du wirst ein großes Königreich haben. Viele Untertanen werden dir gehorchen. Ja, dieser wunderbare Dialog ging hin und her. Mit Pausen. Und Hisashi wurde immer gieriger. Er wollte immer mehr. So hab ich es gesehen.

Der Reis ist fertig

Die Stimme, Du bist nun schon 50 Jahre König. Viele Sommer und Winter hast du regiert. Und es werden noch viele Sommer und Winter hinzukommen. Doch dann ging die Stimme weg. Hisashi saß wieder auf dem Podest, immer noch schlafend. Der Sternenhimmel ging vorüber. Und die Stimme wurde wieder zur Wirtin. Hisashi wachte auf. Was war das, war es nur ein Traum? Wo bin ich? Bin ich schon am Horizont?

Die Wirtin kam, Hisashi, der Reis ist fertig. Die blinde Wirtin Naoko ging zu Hisashi. Er saß noch auf dem Podest. Ganz langsam tastete sie sich an ihn heran. Stellte sich hinter Hisashi. Und nahm ihre Augenbinde ab. Die Augenbinde streifte sie langsam und behutsam über Hisashis Kopf, dann über die Augen. Ein Wandel war vollzogen. Hisashi wurde blind. Ich war ergriffen. Konnte es gar nicht fassen. Langsam stand Hisashi auf. Seine Holzschuhe hatte er nicht mehr an. Er schritt nun, tastend mit den Füßen zum rechten Podest. Blind. Er kniete nun auch auf dem Podest, wie es zuvor Naoko tat. Und lauschte. Seine letzten Worte: Wer ist da? Ist dort jemand?

Ruhe ist eingekehrt

Das hat mich sehr berührt. Hat Hisashi nun den Horizont gefunden? War das wundersame Kissen der Weg zum Horizont? Die Vorbereitung auf ein Leben nach dem Tod? Ich denke ja, denn für mich gibt es etwas nach dem Tod. Ein Weiterleben auf einer anderen Ebene. Vielleicht einer höheren Ebene?

Applaus Applaus Applaus. Die Zuschauer waren begeistert. Das Licht ging an. Dinah als Naoko, Christian als Hisashi verbeugten sich, freuten sich, dass alles so wunderbar gelaufen ist. Die anfängliche Nervosität von Christian ging in Glück über. Auch Dinah war glücklich. Ich freute mich mit den beiden. Überreichte jedem drei gelbe kleine Rosen. Sie strahlten. Das haben beide verdient.

Ruhe ist eingekehrt. Die Besucher füllten die Fragebogen aus. Ich konnte nicht viel schreiben. Muss immer erst eine Nacht alles Geschehene verarbeiten. Und jetzt während ich schreibe, kommen mir wieder die Tränen. Es nimmt mich so sehr mit.

Dinah und Christian haben wunderbares gezaubert. Wolfgang als Regisseur hat sie beide prima vorbereitet. Und Gianni mit seinen Kostümen drei hervorragende Personen gestaltet. Hisashi, Naoko und die Traumstimme.

Danke, dass ich dabei sein durfte. Leider bin ich am 13.07. nicht dabei. Enkelsohn wird zwei Jahre alt.

Gabriela

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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1 Kommentar

  1. Veröffentlich von Antje Orentat am September 15, 2019 um 6:13 pm

    Danke, liebe Gabriela, für die wundervolle Schilderung. So konnte ich nahezu alle Szenen nochmals erleben und noch ein wenig besser verstehen.
    Meine erste richtige Begegnung mit Slow Acting. Ich bin fasziniert von den bewusst langsamen Bewegungen, der wechselnden Mimik, von den Stimmen und den prachtvollen Gewändern.
    Ich sitze im dunklen Zuschauerraum, und es fühlt sich an, als wäre ich ganz allein mit Hisashi und Naoko. Mein Herz schlägt laut. Ich bin gebannt und doch auch entspannt.
    Am Ende des Stücks brauche ich einen sehr langen Moment, um die Realität zurückzufinden.
    Spätestens jetzt hat das TheaterLabor TraumGesicht einen festen Platz in meinem Leben erobert.

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