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Hüte auf, weiter geht’s

Von Junia Hergarten | 17 Juli 2021 |
Probenfoto Wandlung21: Zwei Schauspieler im grün beleuchtetem Bühnenraum. Sie zwigen starke Gebärden im Profil.

Sie tragen rote Clownsnasen

Probenfoto Wandlung21: Zwei Schauspieler im grün beleuchtetem Bühnenraum. Sie zwigen starke Gebärden im Profil.Zwei Männer – ja, eindeutig Männer – kommen nach vorne auf die Bühne und sprechen darüber, was gleich passieren könnte. Sie tragen rote Clownsnasen. Und sie scheinen sich ein bisschen zu sorgen, ob es denn funktionieren kann, was sie sich da überlegt haben.

Dann geht es los. Den Einstieg in das Stück nach diesem Vorspiel auf dem Theaterboden (dazu später mehr) markieren sie, indem sie sich Kopfbedeckungen aus Filz aufziehen. Martin trägt eine Art schwarze Haube, Nikolai einen hoch aufragenden Hut.

Dinge in Ruhe wahrnehmen

Zunächst bewegen sie sich langsam über die Bühne, wiederholen Bewegungen, ändern sie ein wenig ab, zeigen Gesichtsausdrücke, die mal angeekelt wirken, mal verschämt, etwas kokett oder verzweifelt… Als Zuschauer*in ist man in dem Moment seinen eigenen Gedanken überlassen, man schaut erst mal und überlegt, was das da vorne alles bedeuten oder besser gesagt ausdrücken könnte.Probenfoto Wandlung21: Zwei Schauspieler im grün beleuchtetem Bühnenraum. Sie zwigen starke Gebärden im Profil. Die Kostüme – eine Mischung aus Hose und Rock, starrer, raschelnder, schwarzer Stoff – reflektieren die Bühnenbeleuchtung und schimmern grün.  Außer das Rascheln des festen Stoffes und das Knarren des Bühnenbodens hört man nicht viel. Die Lüftung, ein paar Vögel von draußen, das ein oder andere Rascheln im Publikum. Man hat Zeit, all diese Dinge in Ruhe wahrzunehmen.

Die Sätze fliegen einem nur so um die Ohren

Als die Figuren anfangen zu sprechen, sind es einzelne monumentale Sätze. Sie wirken, so wie angekündigt, völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Ich erinnere mich kaum an den Wortlaut, es ist nichts Sprachliches hängen geblieben. Aber in dem Moment selbst fliegen einem diese Sätze nur so um die Ohren und evozieren Ideen im eigenen Kopf. Die beiden Figuren wiederholen die Sätze in verschiedenen Stimmlagen, Betonungen, Lautstärken, als würden sie testen, wie sie sich am besten sagen lassen. Die Figuren durchleben also ein und dieselbe Situation wieder und wieder.

Und dann: eine Unterbrechung. Auf einmal stehen da wieder Nikolai und Martin mit ihren roten Nasen und überlegen, wie es denn bisher so gelaufen ist. Plötzlich wird es komödiantisch. Das Publikum lacht, während Martin sich aufregt, alles sei irgendwie scheiße gewesen und als Darsteller müsse man ja jetzt auch noch das Bühnenbild selbst umbauen, was das denn solle. Und überhaupt, was seien das eigentlich für Plastik-Kostüme?! Er spielt – das kann man so sagen – den aufgeregten, überdrehten Bühnenkünstler und wird von Nikolai, dessen Figur das ganze gelassener sieht, passenderweise als Diva bezeichnet.

Probenfoto Wandlung21: Zwei Schauspieler im grün beleuchtetem Bühnenraum. Sie zwigen starke Gebärden im Profil.Es gibt keine Erzählung, keine Dramaturgie

Weiter geht’s – Nikolai ist überzeugt, dass es gut wird, Martin will es hinter sich bringen. Nase weg, Hut auf. Nikolai faltet dafür seinen Hut nach unten, er erinnert an Darstellungen von Robin Hood. Martin zieht sich ein Stirnband über sowie einen leuchtend grünen Kragen.

Im zweiten Teil erkenne ich eher einen Dialog, eine Beziehungskrise. Martins Figur trägt überzeichnete, weibliche Züge (verschämt, feine Stimme, weinerlich), Nikolais Figur ist das männliche Pendant (grob, wütend, impulsiv). Die Diva aus dem Zwischenspiel ist noch da, dieses Komödienhafte macht die dargestellte Szene grotesk, denn es geht hier eigentlich um pure menschliche Verzweiflung. Auch hier sind die Sätze noch immer etwas losgelöst voneinander. Es geht um die eigene Identität, um Vorwürfe, vergangene Erlebnisse, Verzweiflung, Unzufriedenheit. Darum, dass man irgendwie nicht zusammenfindet, den anderen verachtet und doch von ihm abhängt.

Und es ist tatsächlich so wie angekündigt: Es gibt keine Erzählung, keine Dramaturgie. Nur die Figuren, die ihre Sätze immer wieder testen und variieren.  Die Figuren nehmen einen mit in ihre intensive, widersprüchliche Gefühlswelt. Es ist beeindruckend, dem Stück beim Entstehen zuzusehen. Würde man es nicht wissen, man könnte denken, es sei alles so geplant, eine runde Sache. Wahnsinn!

Entsprechend ernten Nikolai und Martin am Schluss langanhaltenden Applaus und zahlreiche begeisterte „Barvo“-Rufe. Vielen Dank für diese Darstellung!

Und ach ja, der Theaterboden… Sind genug Spenden zusammengekommen, um ihn zu erneuern? Die Diva aus dem Zwischenspiel würde sich sicherlich freuen.

Die nächste Auffürhung ist am 3. Oktober 2021. Weitere Infos und Tickets

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1 Kommentar

  1. Veröffentlich von Sigrid Loose-Abendroth am Juli 18, 2021 um 10:13 am

    Liebe Junia,
    wunderbar auf den Punkt gebracht hast du unsere erste Aufführung von Wandlung21 beschrieben. Ganz herzlichen Dank dafür. Ja, es ist wirklich ein ganz besonderes Schauspielprojekt, innovativ und mutig. Ich freue mich sehr darüber, wie du die Variabilität und Freiheit der Figuren (der Spielenden) beschreibts und die Wirkung von Wiederholungen und ständiger Veränderung im Ausdruck. Erst so im Nachhinein wird mir bewusst, dass uns beide Figuren die Möglichkeiten und die Bedeutung von Veränderung gezeigt haben. In einem anderen Kontext hab ich gelernt: „damit sich etwas ändert, musst du etwas anders machen!“
    Im Stück zeigen beide Spielenden durch die stets veränderte Art, einen Satz zu sprechen, die veränderte Mimik und Körperhaltung stets veränderte Emotionen und auch umgekehrt, dass Emotionen Körper und Sprache prägen (Ausdrucksrückwirkung). Und dann natürlich die Wirkung auf den Spielpartner! Ob freundlich, ängstlich, angeekelt oder feindlich gesprochen und geschaut – es ändert alles. Für mich ist es so, dass mir damit als Zuschauerin die vielen Möglichkeiten einer Veränderung in mir selbst und in einer Interaktion deutlich vor Augen geführt wurde. Dies gelingt allerdings nur mit ganz viel Bewusstheit, Achtsamkeit und einem „sich Zeit lassen“ – so wie es im Slow Acting Schauspiel gelehrt und gezeigt wird.

    Ich bin schon auf die Veränderungen gespannt, die bei der kommenden Aufführung gezeigt werden.
    Liebe Grüße
    Sigrid

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