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Ich will das Persönliche nicht auf der Bühne sehen

Ich will das Persönliche nicht auf der Bühne sehen

Von Junia Hergarten | 03 Juli 2020 |

TheaterLabor TraumGesichtBühne – Campus Golzheim, Wolfgang Keuter im Interview mit Junia Hergarten

Ich habe mir angeguckt, was du alles so gemacht hast. Vieles ist ja auch schon angeklungen. Aber wenn du jemanden neu kennenlernen würdest und der fragt dich: Was machst du eigentlich beruflich? Was würdest du antworten? Was ist der Kern deiner Arbeit?

Wolfgang Keuter spricht über Slow Acting. Er sitzt auf einem Stuhl mit einem freundlichen, konzentriertem Gesichtsausdruck.Am ehesten bin ich wohl Psychodramatiker. Das umfasst alles. Ich habe eine fünfjährige Ausbildung abgeschlossen als Psychodramaleiter und viele Seminare in Dramatherapie besucht. Zudem habe ich einen Schauspielabschluss und mich einige Jahre als Schauspieler erfahren. Dann kamen die Ausbildung in Initiatische Therapie, in Zen und seine Exerzitien hinzu. Du merkst, es fällt mir nicht leicht eine Anzwort auf den Punkt zu bringen. Alles das ist wohl in dem Begriff Psychodrama enthalten. Im Kern versuche ich, Menschen durch schauspielerische Mittel komplexe Möglichkeiten der Selbsterfahrung anzubieten. Wobei ich Selbsterfahrung wirklich als Selbsterfahrung meine. Bei näherem Hinsehen ist oft das meiste lediglig Ich-Erfahrung und nicht Selbst-Erfahrung im Sinne von C. G. Jung und Graf Dürckheim. Hierzu veröffentliche ich sporadisch Beiträge auf meinem Slow Acting-Blog.

Wo ist denn da der Unterschied?

Nicht das Ich ist der Kern unserer Persönlichkeit, sondern eine höhere, transzendente Instanz in uns.  Der wunderbare Meister Eckhard nennt es das innere Fünklein. Zusammengefasst also etwas, das dem Ich übergeordnet ist, in dem das Ich aber enthalten ist. Das Selbst bezieht sich nicht nur auf den natürlichen Menschen, sondern auch auf den Geist, den kultischen Menschen. Ich bin Bürger zweier Welten: Ich bin vom Ich und bin vom Selbst, ich bin der Körper und auch mein Leib, bin von dieser und von jener Welt. Die Möglichkeit der Selbst-Begegnung wird nur selten gelehrt. Doch jeder kann durch Wahrnehmung und meditativen Ausdruck z. B. mit diesem, seinem inneren Kern in Berührung kommen. Ich biete mit meiner Methode Slow Acting  einen Weg dahin.

Jetzt seid ihr hier in diese Räume gezogen, dadurch hat sich deine Arbeit bestimmt auch wieder verändert. Was liegt dir hier besonders in Golzheim am Herzen?

Mir liegt am Herzen, dass wir uns hier entwickeln zu einem Kreis von Menschen in dem aufrichtiger, möglichst vom inneren Kern her, schöpferischer Dialog kultiviert wird. Ehrliches Aufrichtig-Sein impliziert die Alltagsmaske vertrauensvoll ablegen dürfen,  nicht verstecken müssen. Wir könnten zu einem Kreis werden in dem wir uns gegenseitig im schöpferischen Tun unterstützen, zu bestimmten Zeiten miteinander leben, üben und gestalten. Wichtig ist mir, dass wir uns als Menschen verstehen die nicht nur von ihrer persönlichen Biografie definieren. Wir sind mehr als unsere Biografie. Da ist ein innerer Mensch in uns kindlich geblieben. Unberührt von äußerer Erziehung und Anpassung an das Kollektiv. Dieser ist größer, weiser und älter als wir je sein können.  Ein Paradox, doch für mich wahrer seelischgeistiger Tatbestand.  Slow Acting bietet die Möglichkeit den inneren und äußeren Menschen zusammen zu führen.

Darum liegt mir Slow Acting im Herzen. Ich wünsche mir z. B. dass sich wieder Ensembles entwickeln um entsprechende Aufführungen auf die Bühne zu bringen. Ich denke an die Aufführung „Horizont“, bei der wir versucht haben alles Privat-Persönliche wegzulassen um das was zwischen den Rollenfiguren im Seelischen geschieht ritualisiert hervorzuheben und Gestalt zu geben. Wir haben dazu Rituale aus Karate-Bewegungsabläufen integriert. Der transpersonale Teil einer Persönlichkeit wird im Spiel-Ritual erfahrbar und anschaulich. Universale Hand- und Leibgebärden gebären ihn.

Ich will das Persönliche nicht auf der Bühne sehen. Sehr wohl aber Spiele in denen das Transpersonale erscheint. Aus diesem Grund ist der Ansatz  privat-persönliche Verfremdung durch Langamkeit und Kontemplation.

Für die Schauspieler*innen auf der Bühne ist das sicherlich eine sehr intensive Erfahrung, aus der sie auch verändert rausgehen. Welche Rolle hat der Zuschauer in dem Moment?

Hamlet sagt, das Theater muss der Natur den Spiegel vorhalten. Ich möchte dem Zuschauern einen Spiegel vorhalten in dem er erkennt: Sieh hin, das geht im Alltag unter und ist ein großer Verlust.

Durch Stille, Langsamkeit, Verfremdung, durch den Hara-Atem, durch die sparsame Ausdrucksweise kann es gelingen das Wahre und Wesentliche zu berühren und zu verkörpern. Nicht nur auf der Bühne. Auch im täglichen Leben kann eine solche Einstellung Gewinn Sein. Es gibt Momente in denen Stopp und Stille im stimmigen Augenblick eine Wende zur Wandlung aktivieren kann.  Du schaust eine Szene und die Spieler*innen verbleiben in einer Haltung in der es still wird. Es gibt Stille hinter allem Lärm. Wenn wir für sie offen werden tun wir ganz viel Gutes für uns Selbst und für die Umwelt.

Es gibt Zuschauer*innen welche Stille nicht aushalten können. Sie ist provokativ. Es gibt Zuschauer*innen mit Sehnsucht nach Stille. Manche haben bereits erlebt das Stille tatsächlich stillt und befriedet. Zu dieser Erfahrung möchte ich anregen. Die Slow Acing-Bühne zeigt nicht den Alltag sondern eine andere Sphäre des Lebens. Wir zeigen auch, das alle Anspruch darauf haben durch ritualisiertes Handeln Stille zu erleben und durch sie Lebensqualität! Also: Kommt zur Ruhe, atmet, bewegt euch mal langsamer und gewinnt an innerer, seelischer Zeit. Der Alltag hat auch eine andere Seite. Es geht mir im Slow Acting-Schauspiel darum schauend zu spielen, wahrnehmend und erkennend, darum das Leben als Spiel zu leben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Junia Hergarten

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4 Kommentare

  1. Veröffentlich von Tobias Wester am Juli 4, 2020 um 1:16 pm

    Das im Kontakt bleiben mit dem im Artikel von Wolfgang so schön umschriebenen „Selbst“ kann eine schwierige Erfahrung sein.

    Gerade dann, wenn das Selbst durch den beruflichen Werdegang nach hinten gedrängt und nur noch das „Arbeits-Ich“ eine Rolle spielt. Das „Arbeits-Ich“ definiere ich als die „Person“ in mir, die vor allem eins tut: Geld verdienen. Dabei natürlich dem Chef als „Gehaltsauszahler“ zu gehorchen; sozusagen als begleitendes Symptom.

    In der Vergangenheit durfte ich als Teilnehmer des TheaterLabors öfters innerer Zeuge der Entwicklung meiner SELBST sein ohne jedoch (aus heutiger Sicht) zu verstehen, dass in dieser Zeit der „gesellschaftlich definierten“ Arbeitslosigkeit die äußeren Widerstände gegen diese Entwicklung die geringsten waren und somit mein Geist die Transparenz erfuhr um den Kontakt zum SELBST mithilfe von Wolfgang und Giannis Arbeit herzustellen.
    Jetzt lebe ich in einer Gegenwelt, in der ich mich nur halten kann, weil ich die Arbeit ansich, für die ich mein Geld bekomme, so gerne tue.

    • Veröffentlich von Wolfgang Keuter am Juli 5, 2020 um 11:35 am

      Hallo Tobias – möglicherweise ist durch deine Selbsterfahrung bei uns, die Offenheit in dir entstanden dem Ruf zu folgen.
      Der Ruf kommt nicht vom Ich. Er kommt vom Nicht-Ich.
      Dabei ist es gleich-gültig in welcher Gestalt der Ruf sich durch offenbart und verwirklicht. Er führte dich in den Be-Ruf den du so gerne ausübst. Stimmiger kann es nicht SEIN. Und wunderbar ist es auch.

      In einer alten Zen-Geschichte wird ausdrücklich gelehrt, das ein Gerufener – Berufener mit der weltlich gewordenen Gestalt seines Rufes sich am stimmigsten auf dem Marktplatz (!) verwirklicht. Inmitten der anderen Marktständler.
      Ich bin auch da. Und ich freue mich über diesen Weg deines Selbst-Ausdrucks, über unsere Zusammenarbeit und unseres Gelderwerbes in diesem Geiste.
      Mit Gruß. Wolfgang.

      • Veröffentlich von Tobias am Juli 15, 2020 um 8:34 am

        Meine neue Leidenschaft therapeutisch tätig zu sein und damit anderen Menschen zu helfen Ihre Beschwerden in den Griff zu kriegen oder sogar zu heilen, deckt sich wunderbar mit meinen Erfahrungen während des letzten Workshops. An diesem Wochenende habe ich meine schamanische Seite entdeckt – vielleicht erinnerst Du Dich 😉 – und was macht ein Schamane? (…) Eine Analogie, die ich sehr passend finde und die mir gerade erst in den Sinn gekommen ist. Auf dem Marktplatz werden Waren und Dienstleistungen gehandelt (und ich wohne auch noch direkt an so einem Platz!!!). Meine „Leistungen“ zu verkaufen muss ich allerdings noch lernen…

        • Veröffentlich von w.keuter am Juli 23, 2020 um 6:53 pm

          Ein Schamane – Tobias, ist Künstler.
          Hallo – Tobias
          Ich möchte deine Frage beantworten.
          Ein Schamane ist zuallererst Künstler.
          Schau dir z. B. die hochkünstlerischen Höhlenzeichnungen früherer Schamanen an. Sie zeugen von einem Höchstmaß an Geistigkeit und Religiosität. Tänze und Gesänge, die kultische Schaukunst, die Masken, Gewänder und Inszenierungen, die Rituale und Trommelrythmen der Schamanen, überall in der Welt sind überliefert. Ebenso ihre Kunst mit Mächten und Kräften der Anderwelt umzugehen in heilsam-künstlerischem Kontakt.
          Wo Störungen waren vermochten sie durch sie und mit ihnen Ordnung wieder herzustellen. Dämonische Geister konnten sie verwandeln, wenn sie diese in ihrem eigenen Inneren erkannt und akzeptiert haben.

          Deine Verwandtschaft mit diesen meistens von innen her berufenen Menschen, durfte ich an jenem Workshop erkennen den du erwähnst an der Qualität mancher deiner Töne, an der Qualität deines Gesanges.
          Gesang aus dem Ursprung!
          Mit Gruß. W.

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